Nach ihrer ersten weltweit gefeierten Operninszenierung „Dido & Aeneas“ im Jahre 2005, beschäftigte sich die Choreographin, Tänzerin und ehemalige künstlerische Leiterin der Schaubühne Berlin Sasha Waltz nun mit der Tragödie der Medea, die in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin Premiere hatte. Ihre Grundlagen bildeten dabei Heiner Müllers „Medeamaterial“ und die gleichnamige Komposition von Pascal Dusapin, einem der wichtigsten französischen Komponisten der Gegenwart. Medea – bei Euripides eine tragische Frauenfigur, von Liebe und Eifersucht getrieben, tötet ihren Bruder, die Verlobte ihres Geliebten, Kreon und zuletzt die eigenen Kinder. Sasha Waltz geht in ihrer Inszenierung auch auf den ursprünglichen Mythos der Medea ein. Darin wird sie als selbstbewusste und heilende Frauenfigur dargestellt. So versucht Sasha Waltz die kreative und gleichzeitig auch zerstörerische Kraft der Medea in ein Spannungsverhältnis zu setzen. Bei Heiner Müller auf drei Personen reduziert (Medea, deren Amme und ihr Geliebter Jason), tritt in Dusapins Oper die Figur der Medea in den Vordergrund, dargestellt von der renommierten Koloratursopranistin Caroline Stein. Die musikalische Leitung übernimmt Marcus Creed.
Aus den Kritiken:
Im Tagesspiegel heißt es:
»Denn soviel Schönheit liegt in diesem kurzen Tanz- und Opernabend, dass man den Saal verlässt wie nach einer optisch auralen Kur, irritiert schon durch die Üppigkeit von Gold und Stuck draußen, auf den Gängen der Staatsoper. […] Die Schönheit ihrer „Medea“ […] besteht in ihrer absoluten Glanzlosigkeit. Nichts an diesem Opernabend glittert mehr […] Über die siebzig Minuten dieses Abends hinweg erweist sich Waltz’ „Medea“ als ein tänzerisch-musikalisches Gesamtkunstwerk, das seine Aussagekraft weniger aus der Überzeitlichkeit der Tragödie bezieht, sondern eher aus den Mitteln des auf das 21. Jahrhundert übertragenden Mottos „Ornament ist Verbrechen“ (Adolf Loos), dessen Kühle und Sachlichkeit stetig durchkreuzt werden: durch Finger, Hände, Füße, Körper, durch die für Waltz’ Stil so typischen stilisiert-natürlichen Bewegungsabläufe, auch durch die Leiblichkeit des Gesanges.«
Die Berliner Morgenpost schreibt:
»Die Berliner Choreografin ist am Medea-Mythos in höchst artifizieller Bravour gescheitert. Es ist ein mutiges Tänzchen dicht am Seelenabgrund geworden. Aber eine eigene Sicht auf Medea hat sie nicht beizusteuern. Die Tanz-Ikone […] konnte allerdings kein Gesamtkunstwerk ausbalancieren. Der Tanz bleibt kaum mehr als ein dekoratives Beiwerk, die Musik kaum mehr als eine Klangkulisse. Über allem schwebt eindringlich der Text von Heiner Müller. Glücklicherweise belässt Sasha Waltz die Tragödie in archaischer Ferne. […] Sopranistin Caroline Stein hat viel Raum für diese Darstellung bekommen. Ihre stimmgewaltigen Klagegesänge, ihre blutvollen Anklagen füllen die Bühne. Sie ist die zu feiernde Hauptakteurin, genau genommen auch die einzige. […] Um das Antikendrama herum choreographiert Sasha Waltz die passenden Bühnenbilder mit ihren Tänzern. Bei aller Düsternis gelingen ihr atemverschlagende Momente. […] Reiz dieser Inszenierung: […] Man mag sie als Zwischenstufe für Kommendes, für Höheres sehen.«
Die Berliner Zeitung meint:
»Ein Vorhang fällt herab, blutrot mit schwarzen Schattenfalten. Ein scheinbar steinernes Relief beginnt sich zu beleben. Eine tanzende Frau blutet ihr Kleid durch. Windmaschinen erzeugen ohrenbetäubenden Lärm. In Sasha Waltz' Produktion "Medea", im Mai in Luxemburg uraufgeführt, nun in der Staatsoper Unter den Linden dem deutschen Publikum vorgestellt, geschieht Drastisches, etwas, woran man sich erinnern wird. Es sind allerdings punktuelle Einfälle. […] so ist "Medea" eine strenge Choreografie, die von Monotonie bedroht ist und dieser Gefahr gerade noch so entgeht - durch ihre Form. […] Dass Sasha Waltz Dusapins Oper nicht in ein Handlungsballett auflösen wollte, ist klar, aber eine Tür zu neuer Bedeutung oder gar Vieldeutigkeit öffnet sich durch den Tanz nicht: Was uns an der leidenschaftlich liebenden, Bruder und Kinder mordenden Zauberin Medea interessieren soll, bleibt dunkel. Die Bühne erscheint als körperdurchzogener Klangraum, in dem die Musik resoniert oder Bewegungsantithesen auslöst. Wie auch immer: Die Wirkung der "Medea" ist respektvolles Kaltgelassensein. […] Caroline Stein schreitet als Medea sehr würdig, kaum leidenschaftlich, aber immer souverän in der Ausführung ihrer teils extrem gelagerten Sopranpartie durch die Tänzer.«
STAATSOPER UNTER DEN LINDEN
Unter den Linden 7, 10117 Berlin
Nächste Termine: 22./23.09.2007 jeweils 19.30 Uhr
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