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Die Staatskapelle Berlin ist ein altes Orchester, das auf eine lange und an Wechselfällen reiche Geschichte zurückblickt. Von der Gründung der Brandenburgischen Hofkapelle anno 1570 bis zum ersten öffentlichen »Concert spirituel« am 11. März 1783 unter Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt war es ein weiter Weg. Und wenn man letzteres Datum als die eigentliche Geburtsstunde eines bürgerlichen Konzertorchesters ansieht, dann ist es von diesem Tag bis zu jenem 30. Dezember 1991, als Daniel Barenboim zum ersten Mal am Pult stand, noch einmal eine musikhistorische Ewigkeit, die Stoff für viele Romane liefern könnte. Seither haben sich Klang, Repertoire und internationaler Ruf dieses Orchesters abermals signifikant verändert. Der neue Chefdirigent pflegte Anfang der Neunziger noch gern zu sagen, er habe in der Staatskapelle ein kostbares, altes Möbel vorgefunden, von dem er nur den Staub wegpusten müsse – und die Orchestermusiker, die jahrzehntelang »ohne Anschluss« unter der »Käseglocke der DDR« ihre Arbeit getan hatten, fühlten sich damit weder falsch eingeschätzt, noch waren sie etwa beleidigt. Heute benutzt Barenboim dieses Bild schon lange nicht mehr. Wozu auch, das Bild selbst ist schon wieder Teil der Geschichte geworden. Die Kapelle glänzt.
Hinter diesem Entwicklungsprozess der letzten fünfzehn Jahre steckt kontinuierliche Arbeit in zyklischen Zusammenhängen, aber auch eine schrittweise Erneuerung des Personals: Etwa ein Drittel der Musiker der Staatskapelle, so, wie sie sich heute zusammensetzt, sind seit Wende und Mauerfall neu hinzugekommen. Zugleich ist das »Möbel« aber doch das nämliche geblieben und die Staatskapelle blieb ihrem Klangbild treu – so erkennbar »treu« in einem so sehr altmodischen Sinne, dass plötzlich, als sich das politische Tauziehen um die Finanzierung der drei Berliner Opernhäuser um die Jahrtausendwende ins Absurde und Unerträgliche verstieg, auch Spekulationen aufkamen darüber, ob es diesen»alten deutschen Samtklang« der Kapelle überhaupt geben dürfe, was daran denn eigentlich »deutsch« zu nennen sei und ob »treu« nicht einfach nur ein Synonym für »unmodern« und »deutsch« eine dumme Ausrede für mulmige Intonation oder »samtig« ein anderes Wort für rhythmische Ungenauigkeit sei. Es hieß, durchaus in polemischer Absicht, Barenboim »furtwänglerisiere« das Orchester. Aber man verwies auch, durchaus nicht zu Unrecht, darauf, dass nicht mal Furtwängler je vom »deutschen Klang« gesprochen habe und dass dieser in keinem Konzertlexikon oder Orchesterführer beschrieben und definiert sei.
Aber dieses Klangbild ist kein Mythos. Es setzt sich zusammen aus konkreten aufführungspraktischen Maßnahmen, die in der Staatskapelle Berlin (aber auch im Gewandhausorchester oder in der Dresdner Staatskapelle) heute noch anders gehandhabt werden als beispielsweise bei den New Yorker Philharmonikern (oder den Berliner Philharmonikern oder dem Concertgebouw Orkest). Dazu gehört erstens die Sitzordnung, gehören zweitens bestimmte Fingersätze und Strichweisen bei den Streichern, gehört drittens die Bevorzugung bestimmter Instrumentenfabrikate bei den Holz- und Blechbläsern und eine ausgeprägte Legato-Kultur. Und um zu begreifen, daß dieses Klangbild keine Weltanschauung oder Mode-Marotte ist, vielmehr eine Tradition hat, muß man nicht mal sehr weit zurückgehen. Die von 1962 an für die VEB Deutsche Schallplatten aufgenommenen Interpretationen der Schumann-Sinfonien mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Franz Konwitschny zum Beispiel klingen deutlich »deutsch« und »alt« – also rund und weich-fließend in den Streichern, dunkel und samtig-golden in den Bläsern – im Vergleich etwa zu den zur gleichen Zeit entstandenen Schumann-Aufnahmen des Cleveland-Orchestra unter George Szell, die ungleich dünner und durchsichtiger, aber auch markanter und brillanter ausfielen: »amerikanisch« und »modern«. Michael Gielen, langjähriger Gastdirigent der Staatskapelle, brachte es auf den Punkt, als er einmal im Interview sagte: »Es ist ein ganz anderes Musikverständnis, welches sich in diesem Klang spiegelt. Diesen deutschen Klang muss es früher bei sehr viel mehr Orchestern gegeben haben. Heute höre ich ihn nur noch bei den drei großen Orchestern aus der früheren DDR.«
Die Staatskapelle Berlin hat sich unter Daniel Barenboim ihr altes Klangbild erhalten und eine neue Brillanz erworben. Alles ändert sich – und alles bleibt, wie es war. Mobilität und Wandel, zugleich Treue und Traditionsbewusstsein: Das hört sich paradox an. Ist aber für ein Orchester an sich nichts Besonderes. Jedes Orchester ist ein empfindsamer Organismus, zusammengesetzt aus hoch spezialisierten Individuen. Alle Orchester pflegen deshalb schnell und seismographisch genau, ja, geradezu nervös zu reagieren auf Neuigkeiten aller Art, sei es ein neuer Chefdirigent oder ein neuer Solopauker oder seien es nur wieder die neuesten Sparbeschlüsse. Andererseits halten sich aus dem gleichen gruppendynamischen Grund in allen Orchesterkollektiven hartnäckig gewisse Gepflogenheiten, an denen nach dem Gesetz der Trägheit festgehalten wird, auch wenn das Kollektiv personell dem Wandel der Zeit unterliegt. Dieses scheinbar irrationale Phänomen, wie man es auch an anderen größeren künstlerischen Kollektiven (etwa Chören oder Theaterensembles) beobachten kann, möchte ich den »Geist« eines Hauses nennen. Das hat mit Spökenkiekerei nichts zu tun, nur mit Erfahrungswerten: Es gibt Orchester, in denen sich über Generationen hinweg ein »guter Geist« aufhält, der alle künstlerischen Gruppenprozesse günstig beeinflusst, und umgekehrt gibt es Orchester, die mit einem »bösen Geist« zu kämpfen haben, der immer wieder auftaucht und für Unfrieden und Unfälle sorgt. In der Staatskapelle wohnte schon unter Kleiber und Suitner offenbar ein guter Geist. Er hat sich seit Amtsantritt Daniel Barenboims nur noch weiter segensreich entfalten und auswirken können.
Die Staatskapelle Berlin erarbeitete sich in der Ära Barenboim sowohl als Opernorchester wie auch als Konzertorchester systematisch die großen Werkzyklen neu – in ähnlicher Weise, wie die Waldorfschulen ihren Lehrstoff nach so genannten »Epochen« organisieren. Diese Repertoire-Auffrischung in zyklischer Anordnung – als Wiederholung und Vertiefung der Arbeit an einem Bündel von Stücken eines bestimmten Autors – bringt eine Konzentration auf einen Stoff mit sich, eine gründlichere Analyse und ein Sicheinlassen auf die Kompositionsweise, die Zeitumstände und den Stil des jeweiligen Komponisten, die sich freilich erst auf längere Sicht auszahlt. Neben den Mozart‘schen Da Ponte-Opern waren es vor allem die Opern Richard Wagners, die sukzessive neu einstudiert wurden. Im Jahr 2002 wurden dann bei den FESTTAGEN alle zehn großen Meisteropern Wagners in Folge aufgeführt, vom Holländer bis zum Parsifal: eine Rekordleistung, wie es sie in Bayreuth naturgemäß noch nie gegeben hat. Im Konzertrepertoire begann Barenboim nicht mit einer »Grundsteinlegung« durch Haydn, sondern gleich mit der Neueinstudierung aller Beethovenschen Sinfonien und Konzerte. Es folgte ein Zyklus der Brahms-Sinfonien, dann ein Zyklus mit den Schumann-Sinfonien, alsdann wurden alle größeren Orchesterwerke Arnold Schönbergs einstudiert und zur Zeit arbeitet die Kapelle an den Sinfonien Gustav Mahlers. Teils sind diese Zyklen der Staatskapelle bereits in Schallplattenaufnahmen dokumentiert. Und die Arbeit trägt sichtbare, hörbare Früchte. Es gibt internationale Anerkennung: gute Kritiken, erste Preise, ausverkaufte Häuser auf den Tourneen. Im Jahr 2000 wurde die Staatskapelle Berlin zum ersten Mal zum Orchester des Jahres gewählt in der prestigeträchtigen Kritikerumfrage der Zeitschrift »Opernwelt«. Das hat sich seither bereits zweimal wiederholt.
Quelle: www.staatskapelle-berlin.de
Das aktuelle Konzertprogramm in der Rubrik "Konzerte/Klassik" sowie unter www.staatskapelle-berlin.de
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