Es zählt zu den Besonderheiten der Meisterschaft von Johann Sebastian Bach,
dass er genau wusste, welche Möglichkeiten in einem Instrument stecken
und wie sich diese Klangperspektiven wirkungsvoll umsetzen lassen. Die Oboe war
für ihn der menschlichen Stimme sehr ähnlich, ein fragiler Farbgeber
mit dem Potential, die Zuhörer in ihrem Innersten zu bewegen. Daher
instrumentierte er auch einige der bewegendsten Stellen in seinen Vokal-
und Orchesterwerken mit der Oboe oder der Oboe D'Amore. Für den
Schweizer Komponisten und Virtuosen Heinz Holliger ist
es daher eine ebenso genussvolle wie erfüllende Aufgabe, sich mit diesem
feinen, faszinierenden Ausschnitt aus dem gewaltigen Oeuvre von Bach zu
beschäftigen.
Das Album „Ich hatte viel Bekümmernis – Konzerte und Sinfonien für Oboe“ bei ECM New Series bringt
ihn dabei mit langjährigen musikalischen Weggefährten zusammen, die ihm
bei seiner Beschäftigung inspirierend zur Seite stehen. Mit der Camerata Bern
arbeitete Heinz Holliger bereits regelmäßig während der vergangenen
Jahrzehnte und deren Leiter Erich Höbarth fungiert zugleich als sein
solistischer Partner in Bachs „Doppelkonzert für Violine und Oboe BWV
1060“. Manche der Werke wiederum begleiten den Solisten schon über
Dekaden der eigenen Laufbahn wie das „Concerto für Oboe D'Amore A-Dur,
BWV 1055“, das Holliger zunächst 1965, später noch einmal 1982 und nun
zum dritten Mal in der bislang ausgereiftesten Version festgehalten hat.
Anderes ist aber wie das Adagio aus der Kantate „Ich steh' mit einem
Fuß im Grab“ oder die Einleitung des zweiten Teils des
„Oster-Oratoriums“ in dieser Form ein Novum in der umfassenden
Diskografie des Künstlers.
Ganz neu ist auch sein zweites Album, mit dem Heinz Holliger sich in diesem Frühsommer der Musikwelt präsentiert. Es trägt den Titel „Induuchlen“
und richtet das Augenmerk auf den Komponisten Holliger. Verwirklicht
mit einem großen Team aus Sängern, Instrumentalisten, Perkussionisten
und Sprechern, reicht das Spektrum der Ausdrucksformen von „Puneigä“,
der zehn Liedern mit Zwischenspielen und Gedichten von Anna Maria Bacher
über die vier Lieder des Titelwerkes „Induuchlen“ nach der Vorlage
„Briensertiitsch Väärsa“ von Albert Streich bis hin zu den
„Toronto-Exercises“ von 2005 und „Ma'mounia“ für Soloschlagzeug dun
Instrumentalquintett. Damit knüpft Holliger zum einen an die bereits
seit 1997 bestehende Partnerschaft mit ECM New Series an, die damals mit
der Einspielung von Zelenkas „Trio Sonate“ begann. Die Aufnahmen
stellen den 72-jährigen Komponisten, Dirigenten und Musiker
aber auch als einen der versiertesten und zugleich humorvollsten
Repräsentanten der Neuen Musik vor, der seine Wurzeln ebenso im
Regionalen wie im Internationalen, im Originalen wie im Diskurs hat.



