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"Berlin elswhere" von Constanze Macras ist ein darstellerisch bewundernswerter Abend - das Ensemble aus Hellerau 110 Minuten in ständiger Aktion. Tänzer mit perfekt artistischer Höchsleistung, Schauspieler, Erzähler, Sänger, Musiker. Berlin überall hinterläßt dennoch Ratlosigkeit. Entstanden ist in dieser Arbeit ein Puzzle, dessen Teile sich bewusst nicht zusammenfügen und damit eine merkwürdige Beliebigkeit erzeugen. Wir erleben die Eingeschlossenen, die Rasenden, Wütenden. Wir hören Geschichten von einem schwulen Tänzer aus Rio, vom Kotzen und Ficken, von der Sehnsucht nach der Mauer in Berlin, von zwei Frauen, die einander wüst beschimpfen. Wir erleben orgiastisches Rudelbumsen, drei Kunststoff-Hochhäuser, ein aufblasbares Hüpfburg-Schiff und die Verwandlung von Darstellern in Designer-Möbelstücke. Alles in großer Rastlosigkeit. Am Ende - viel Beifall und doch Ratlosigkeit, Alles überspielt von Tempo und Fortissimo, besinnungslos. Ist das eine Gegenwart, die unserer Wahrnehmung verschlossen bleibt?
Andere Meinungen:
"'Berlin Elsewhere' lebt vom Überkandidelten und
vom Slapstick, vom schnellen Tempo und harten Einsatz der Körper, und
von den Geschichten und Persönlichkeiten der Tänzer", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz
(15.4.2011). "Dieses Feuerwerk an Witz und Verzweiflung entfaltet im
Nachhinein weiter seine Wirkung." Was erst beliebig scheint, setzt sich
doch noch zu einer Zustandsbeschreibung der Gegenwart zusammen. Das
liege vor allem an der gemeinsamen Grundierung all der vielen Szenen von
"Fetischismus, Einsamkeit und den obsessiven Versuchen, die absolute
Kontrolle über alle Funktionen des Körpers zu erlangen". All das habe es
auch schon in früheren Stücken von Macras eine Rolle gespielt. "Manche
waren überraschender und punktgenauer im Bezug auf den Diskurs der
Gegenwart, andere verloren sich noch mehr in Splittern. Bei 'Berlin
Elsewhere' fühlt man sich wieder gut unterhalten mit den Bildern der
Verzweiflung, nicht zuletzt dank der gut durchkomponierten Dramaturgie
zwischen Einzelaktionen und Ensembleszenen."
"An Tollheit grenzt die Tanzwut nicht, man sieht
keine heilige Raserei der Körper. Keine Borderline-Performance.
Sondern die Kollisionen und Crashtests, wie sie mittlerweile zum
Repertoire des zeitgenössischen Tanzes gehören", so Sandra Luzina im Tagesspiegel
(15.4.2011). Am großen Thema Wahnsinn mogle sich Abend vorbei, "dafür
gelingt es Macras, den ganz alltäglichen Irrsinn aufzuspießen. All die
Großstadtneurotiker, Fresssüchtigen, Paar-Paranoiker und notorischen
Quasselstrippen demonstrieren in ihren überdrehten Monologen, zu welchen
Deformationen der westliche Lifestyle führt."
Die eingestreuten Foucault-Zitate behaupten eine
harte Gesellschaftskritik, "die so auf der Bühne nicht stattfindet -
nicht stattfinden soll", findet Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung
(15.4.2011.). Denn Macras erzähle diesmal vom eigenen Stand der Dinge,
nicht von Ausgrenzung und Wahnsinn, sondern "verspielt und poetisch
erzählt sie eher vom Gegenteil. Von leicht verrückten Figuren, die jetzt
in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und es sich gemütlich in
ihrer Kritik eingerichtet haben." Viel Tanz gebe es zu sehen, "anders,
dichter, besser" choreographiert, als man es von Constanza Macras sonst
kennt, "vor allem in der großartigen Eröffnungsszene, in der die Figuren
traumverloren in ihre eigenen Tänze versinken." Dennoch insgesamt
gemischt Gefühle, denn der Abend führe am Ende leider nur ins Nirgendwo
der Beliebigkeit.
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