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Berlin elswhere PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
Sonntag, 17. April 2011

"Berlin elswhere" von Constanze Macras ist ein darstellerisch bewundernswerter Abend - das Ensemble aus Hellerau 110 Minuten in ständiger Aktion. Tänzer mit perfekt artistischer Höchsleistung, Schauspieler, Erzähler, Sänger, Musiker. Berlin überall hinterläßt dennoch Ratlosigkeit. Entstanden ist in dieser Arbeit ein Puzzle, dessen Teile sich bewusst nicht zusammenfügen und damit eine merkwürdige Beliebigkeit erzeugen. Wir erleben die Eingeschlossenen, die Rasenden, Wütenden. Wir hören Geschichten von einem schwulen Tänzer aus Rio, vom Kotzen und Ficken, von der Sehnsucht nach der Mauer in Berlin, von zwei Frauen, die einander wüst beschimpfen. Wir erleben orgiastisches Rudelbumsen, drei Kunststoff-Hochhäuser, ein aufblasbares Hüpfburg-Schiff und die Verwandlung von Darstellern in Designer-Möbelstücke. Alles in großer Rastlosigkeit. Am Ende - viel Beifall und doch Ratlosigkeit, Alles überspielt von Tempo und Fortissimo, besinnungslos. Ist das eine Gegenwart, die unserer Wahrnehmung verschlossen bleibt? 

Andere Meinungen:

"'Berlin Elsewhere' lebt vom Überkandidelten und vom Slapstick, vom schnellen Tempo und harten Einsatz der Körper, und von den Geschichten und Persönlichkeiten der Tänzer", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (15.4.2011). "Dieses Feuerwerk an Witz und Verzweiflung entfaltet im Nachhinein weiter seine Wirkung." Was erst beliebig scheint, setzt sich doch noch zu einer Zustandsbeschreibung der Gegenwart zusammen. Das liege vor allem an der gemeinsamen Grundierung all der vielen Szenen von "Fetischismus, Einsamkeit und den obsessiven Versuchen, die absolute Kontrolle über alle Funktionen des Körpers zu erlangen". All das habe es auch schon in früheren Stücken von Macras eine Rolle gespielt. "Manche waren überraschender und punktgenauer im Bezug auf den Diskurs der Gegenwart, andere verloren sich noch mehr in Splittern. Bei 'Berlin Elsewhere' fühlt man sich wieder gut unterhalten mit den Bildern der Verzweiflung, nicht zuletzt dank der gut durchkomponierten Dramaturgie zwischen Einzelaktionen und Ensembleszenen."

"An Tollheit grenzt die Tanzwut nicht, man sieht keine heilige Raserei der Körper. Keine Borderline-Performance. Sondern die Kollisionen und Crashtests, wie sie mittlerweile zum Repertoire des zeitgenössischen Tanzes gehören", so Sandra Luzina im Tagesspiegel (15.4.2011). Am großen Thema Wahnsinn mogle sich Abend vorbei, "dafür gelingt es Macras, den ganz alltäglichen Irrsinn aufzuspießen. All die Großstadtneurotiker, Fresssüchtigen, Paar-Paranoiker und notorischen Quasselstrippen demonstrieren in ihren überdrehten Monologen, zu welchen Deformationen der westliche Lifestyle führt."

Die eingestreuten Foucault-Zitate behaupten eine harte Gesellschaftskritik, "die so auf der Bühne nicht stattfindet - nicht stattfinden soll", findet Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (15.4.2011.). Denn Macras erzähle diesmal vom eigenen Stand der Dinge, nicht von Ausgrenzung und Wahnsinn, sondern "verspielt und poetisch erzählt sie eher vom Gegenteil. Von leicht verrückten Figuren, die jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und es sich gemütlich in ihrer Kritik eingerichtet haben." Viel Tanz gebe es zu sehen, "anders, dichter, besser" choreographiert, als man es von Constanza Macras sonst kennt, "vor allem in der großartigen Eröffnungsszene, in der die Figuren traumverloren in ihre eigenen Tänze versinken." Dennoch insgesamt gemischt Gefühle, denn der Abend führe am Ende leider nur ins Nirgendwo der Beliebigkeit.


 
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