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Geschrieben von Administrator   
Dienstag, 12. April 2011

Die Pekinger Kunstszene


Der Maler Wolfram Wickert zu den Repressionen in Peking

veröffentlicht im Tagesspiegel

Die Chinesische Kunstszene ist für mich eine der interessantesten, dynamischsten, aber auch riskantesten Kunstszenen der Welt.
 In den Jahren 2007 bis 2009 war ich ein bis zweimal im Jahr in Beijing und habe ein Atelier gemietet. Die Kunstszene ist ähnlich zugleich auch anders. Ich treffe dort auf europäische, amerikanische, Süd-koreanische, australische, aber immer wieder auch auf chinesische Künstler, die nach jahrzehntelangen Auslandsaufenthalten in westlichen Demokratien, zurückgekehrt sind. Die Künstler sind selbstbewusst und übermütig wie in jeder Szene der Welt. Nichts, das war oder ist, ist „heilig“. Keiner nimmt Rücksicht auf den anderen. Natürlich diskutieren wir auch ganz offen soziale und politische Entwicklungen. Und diese Gespräche sind dynamischer und weit reichender als hier in Berlin.Künstler haben in China einen Privigilierten-Status. Sie verdienen gut und werden geachtet. Sie kennen keine soziale Absicherung und üben so oft neben der Malerei andere Berufe aus. Ein mir bekannter Maler z.B. betreibt sechs Restaurants. Auch Galeristen haben oft ein zweites „Standbein“. Durch Erfahrungen in der Arbeitswelt wirken sie oft lebensnaher.

Grenzen der Kritik

Ein befreundeter chinesischer Maler, besetzte eine leer stehende Fabrik innerhalb einer Mauerumfriedung. Kaum hatte er 120 Ateliers eingebaut und vermietet, rollten fünf Bagger an. Der Parteisekretär des Distrikts beabsichtigte auf dem Gelände ein neues Stadtviertel zu errichten. 20 Ateliers waren in fünf Minuten platt gewalzt. Die Künstler protestierten so heftig, dass mein Freund heute noch die Kolonie betreibt.

Ein anderer Freund, ein international bekannter Bildhauer, sollte im Museum für Moderne Kunst in Shanghai aus Kunststoff modellierte lebensgroße Kumpelfamilien aus-stellen. Lokale Parteibonzen bestanden darauf, dass er „verunglückte, tote Bergleute“ , um die Frauen und Kinder trauerten, nicht zeigen dürfe. Ein hochrangiger Parteisekretär erlaubte es jedoch, so dass auch die Kunstzeitschriften alle Szenen zeigten. Jetzt modelliert er Alltagsszenen aus dem Prostituiert-en-Leben. Und die Partei zieht bereits erneut die Augenbrauen hoch.

Kritik ist erlaubt, darf die Grundfesten der Partei aber nicht erschüttern.

Ein-Partei-Staaat

Andererseits spüre ich immer wieder den postkommunistischen Ein-Partei-Staat mit Auf und Abs politischer Stimmungen. Ich stieß zwar selten auf Parteibonzen, aber vor ihnen herrschte Waffenstillstand; in ihrer Gegenwart hielt man still. Im Vorfeld der Olympischen Spiele kursierte die Warnung: „Verstoße gegen keine Gesetze“. Es herrschte weltweit Angst vorTerroranschlägen.

Kunstmarkt

Abends zog ich gewöhnlich mit einer Gruppe befreundeter Künstler durch die Ateliers. Chinesische Maler fragen vor allem nach abstrakter Kunst, nach Malern wie Picasso, Kiefer, Richter, Lichtenstein, natürlich auch nach der Avantgarde in Berlin, nach meinen neuen POP ART Akzent, die Verbraucher- oder Betroffenheits-idee mit „kessen Kiez Katzen“ und „Großstadtpiraten“ oder nach meinen kulturhistorischen Landschaften. Unterschiede brechen immer wieder auf. Ich gewann den Eindruck, dass vielen Künstlern, selbst wenn sie jahrelang im Westen gelebt hatten, keinen Zugang zur abstrakten, konzeptuellen Kunst gewonnen hatten. Es ist wohl etwas anderes, wenn man mit modernen Museen aufwächst. Dennoch, sie sind ehrgeizig und überzeugt, dass die nächste Kunstrichtung in China entsteht, die Pop-Art, Konzeptkunst etc., aus dem Rennen wirft. Ich traue der waghalsigen Szene, u.a. auch wegen Künstlern wie Ai Wei Wei, dieses Abenteuer zu.

Außerdem unterstützen Galerien und Sammler diese Entwicklung und bieten hauptsächlich chinesische Künstler an. Es gibt nur wenige Europäer, die wie der Berliner Maler Ekki Stoevesand, ihre Bilder in Beijing gut verkaufen. Nach ARTNET und ARTPRICE, den größten online Dienstleistern für den internationalen Kunstmarkt, explodieren momentan die Preise auf dem chinesischen Kunstmarkt. Sie überholen bereits die Umsätze des britischen Markts. Unter den zwölf umsatzstärksten Künstlern der Welt befinden sich inzwischen vier Chinesen.

Die andere Seite der Medaille

Aber jede Medaille hat zwei Seiten: Das Ein-Partei-System ist offener als das anderer postkommunistischer Staaten: Wer den Segen eines hohen Parteisekretärs hat, kann ausstellen, wann und wo er will. Wer aber der Partei im Weg steht, muss mit Gegenwind rechnen. Jeder weiß das. Ich bin selbst Betroffener. Im Mai des Jahres 2008 empfing Angela Merkel den Dalai Lama im Kanzleramt und entfachte einen Sturm der Empörung in China. Eine große Galerie in Song Chuan, einem Künstlerdorf im Osten Beijings, musste die Ausstellung meiner Gemälde im Vorfeld der olympischen Spiele absagen. Die örtliche Bezirksversammlung hatte beschlossen, alle Ausstellungen von französischen und deutschen Künstlern abzusagen. Nicht wegen des Treffens Merkel-Dalai Lama, sondern wegen der Medien, die einseitig auf einer „Betroffenheits-welle“ geritten seien, ohne die Position Chinas zu erklären. Meine Antwort auf flapsig Berliner Art: „Wir führen die Ausstellung heimlich durch, was kümmert mich die Partei“, löste beim Galeristen fast eine Panik aus! Eine zweite Ausstellung in der Provinz Shandong verlief im Sande.

Verhaftung von Ai Wei Wei

Die Verhaftung und das Verschwinden von Ai Wei Wei hat im Westen Betroffenheit ausgelöst. Regierungen protestierten, halten sich nach Bekanntwerden der Anklage aber zurück. Human Rightswatch, Hongkong erklärt die Proteste als „zahnlos“. ARTINFO, New York, bedauert, dass Bob Dylan bei seinem Auftritt am 6. April in Beijing´s Worker´s Gymnasium weder Ai Wei Wei erwähnte noch Protestsongs wie „The times they are a-changing“ gesungen habe.

Ich wage mir noch keine abschließende Meinung zu bilden; rate aber, größere Zusammenhänge zu sehen. Die Verhaftung wurde offensichtlich unter Einhaltung chinesischer Gesetze vollzogen. Nach Prof. Jerome Cohen, New York University, kann die Polizei Verdächtige drei Tage in Isolationshaft vernehmen, in Ausnahmen bis zu sieben und in schwierigen Ermittlungsfällen sogar bis zu dreißig Tagen. Die chinesische Regierung ermittelt wegen „Verdachts auf Wirtschaftskriminalität“. Diese Vor-würfe sind ernst zu nehmen; denn die Verhaftung hat nichts mit der Beschränkung der Meinungsfreiheit zu tun, wenn Ai Wei Wei z.B. Devisen oder Kunstwerke bei Ein- und Ausreisen nicht deklariert hat. In der Kunstszene lautet der allgemeine Rat: „Schleuse alles am Zoll vorbei, dann hast Du keine Scherereien!“ Neider tönen bereits: „Natürlich hat Ai Wei Wei gemogelt, macht doch jeder! Diese Vorverurteilung ist natürlich falsch. Andererseits könnte er wegen geringerer Vergehen zu keinen horrenden Strafen verurteilt werden.

Die Szene warnt Ai Wei Wei schon länger, dass er ab dem Jahr 2011 mit härteren Repressalien rechnen müsse. Dann enden nämlich die 100 Jahrfeiern für seinen Vater Ai Qing (1910-1996), des größten Volksdichter des 20. Jahrhunderts. Er studierte in Frankreich, war von 1958-1975 ins Exil verbannt und litt bis 1978 unter einem Schreibverbot.

Ai Wei Wei`s Unterstützer, Sponsoren und Sammler leben in Europa und den USA. In China ist er, mit Ausnahme der Kunstszene, kaum bekannt. Sein Schicksal berührt nur wenige chinesische Bürger. Seine Werke gelten als zu konzeptuell, seine Sozialkritik, die einer mutigen Familientradition folgt, wirkt zu kompliziert. Partei und Regierung sehen sich und das Staatssystem in Frage gestellt. Deshalb bezeichnen sie ihn auch als „Außenseiter“.

Hoffe, Ai Wei Wei kann Vorwürfe entkräften

Die Politiker Chinas haben seit den Olympischen Spielen gelernt. Sie versuchen westlicher Kritik zu Menschenrechtsfragen zu vermeid-en. Die Anklage gegen den Systemkritker Ai Wei Wei ist geschickt und raffiniert eingefädelt. Wir können nur das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Natürlich hoffe ich als Berliner Maler und Künstler, gerade weil ich etwas ähnliche Situationen erlebt habe, dass Ai Wei Wei die Vorwürfe entkräften kann und frei gesprochen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dieter Bub
Lieber Herr Wickert, vielen Dank. Das liest sich sehr spannend. Wann erschein...
20:12 (vor 1 Stunde)
Antworten
|

Wolfram Wickert

 an mich
Details anzeigen 20:20 (vor 1 Stunde)

herr bub , das höllenteil soll morgen, mittwoch, 13. 4, im tagesspiegel erscheinen, links = ok  grüße wwickert
Am 12.04.2011 um 20:12 schrieb Dieter Bub:
- Zitierten Text anzeigen -

Lieber Herr Wickert,
vielen Dank. Das liest sich sehr spannend.
Wann erscheint der Beitrag?
Sind Sie damit einverstanden, wenn ich ihn dann auch auf meinen Kultur-Internet-Seiten mit Hinweis auf den Tagesspiegel einstelle?

Beste Grüße
Dieter Bub
________________________
Dieter Bub
Mobil: 0172 / 7031 369
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Web: http://dieterbub.jimdo.com


Am 12. April 2011 18:57 schrieb Wolfram Wickert < Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können >:

Freund der Künste, amis et amies des beaux arts,
 da ich in der Berliner Szene ein berüchtigter Maler zu werden scheine, hat mich der Berliner Tagesspiegel gebeten, zur Verhaftung und zum Verschwinden von Ai Wei Wei einen Artikel zu schreiben. Hier das GesamtkunstwerK:

Die Pekinger Kunstszene

Die Chinesische Kunstszene ist für mich eine der interessantesten, dynamischsten, aber auch riskantesten Kunstszenen der Welt.
 In den Jahren 2007 bis 2009 war ich ein bis zweimal im Jahr in Beijing und habe ein Atelier gemietet. Die Kunstszene ist ähnlich zugleich auch anders. Ich treffe dort auf europäische, amerikanische, Süd-koreanische, australische, aber immer wieder auch auf chinesische Künstler, die nach jahrzehntelangen Auslandsaufenthalten in westlichen Demokratien, zurückgekehrt sind. Die Künstler sind selbstbewusst und übermütig wie in jeder Szene der Welt. Nichts, das war oder ist, ist „heilig“. Keiner nimmt Rücksicht auf den anderen. Natürlich diskutieren wir auch ganz offen soziale und politische Entwicklungen. Und diese Gespräche sind dynamischer und weit reichender als hier in Berlin.Künstler haben in China einen Privigilierten-Status. Sie verdienen gut und werden geachtet. Sie kennen keine soziale Absicherung und üben so oft neben der Malerei andere Berufe aus. Ein mir bekannter Maler z.B. betreibt sechs Restaurants. Auch Galeristen haben oft ein zweites „Standbein“. Durch Erfahrungen in der Arbeitswelt wirken sie oft lebensnaher.

Grenzen der Kritik

Ein befreundeter chinesischer Maler, besetzte eine leer stehende Fabrik innerhalb einer Mauerumfriedung. Kaum hatte er 120 Ateliers eingebaut und vermietet, rollten fünf Bagger an. Der Parteisekretär des Distrikts beabsichtigte auf dem Gelände ein neues Stadtviertel zu errichten. 20 Ateliers waren in fünf Minuten platt gewalzt. Die Künstler protestierten so heftig, dass mein Freund heute noch die Kolonie betreibt.

Ein anderer Freund, ein international bekannter Bildhauer, sollte im Museum für Moderne Kunst in Shanghai aus Kunststoff modellierte lebensgroße Kumpelfamilien aus-stellen. Lokale Parteibonzen bestanden darauf, dass er „verunglückte, tote Bergleute“ , um die Frauen und Kinder trauerten, nicht zeigen dürfe. Ein hochrangiger Parteisekretär erlaubte es jedoch, so dass auch die Kunstzeitschriften alle Szenen zeigten. Jetzt modelliert er Alltagsszenen aus dem Prostituiert-en-Leben. Und die Partei zieht bereits erneut die Augenbrauen hoch.

Kritik ist erlaubt, darf die Grundfesten der Partei aber nicht erschüttern.

Ein-Partei-Staaat

Andererseits spüre ich immer wieder den postkommunistischen Ein-Partei-Staat mit Auf und Abs politischer Stimmungen. Ich stieß zwar selten auf Parteibonzen, aber vor ihnen herrschte Waffenstillstand; in ihrer Gegenwart hielt man still. Im Vorfeld der Olympischen Spiele kursierte die Warnung: „Verstoße gegen keine Gesetze“. Es herrschte weltweit Angst vorTerroranschlägen.

Kunstmarkt

Abends zog ich gewöhnlich mit einer Gruppe befreundeter Künstler durch die Ateliers. Chinesische Maler fragen vor allem nach abstrakter Kunst, nach Malern wie Picasso, Kiefer, Richter, Lichtenstein, natürlich auch nach der Avantgarde in Berlin, nach meinen neuen POP ART Akzent, die Verbraucher- oder Betroffenheits-idee mit „kessen Kiez Katzen“ und „Großstadtpiraten“ oder nach meinen kulturhistorischen Landschaften. Unterschiede brechen immer wieder auf. Ich gewann den Eindruck, dass vielen Künstlern, selbst wenn sie jahrelang im Westen gelebt hatten, keinen Zugang zur abstrakten, konzeptuellen Kunst gewonnen hatten. Es ist wohl etwas anderes, wenn man mit modernen Museen aufwächst. Dennoch, sie sind ehrgeizig und überzeugt, dass die nächste Kunstrichtung in China entsteht, die Pop-Art, Konzeptkunst etc., aus dem Rennen wirft. Ich traue der waghalsigen Szene, u.a. auch wegen Künstlern wie Ai Wei Wei, dieses Abenteuer zu.

Außerdem unterstützen Galerien und Sammler diese Entwicklung und bieten hauptsächlich chinesische Künstler an. Es gibt nur wenige Europäer, die wie der Berliner Maler Ekki Stoevesand, ihre Bilder in Beijing gut verkaufen. Nach ARTNET und ARTPRICE, den größten online Dienstleistern für den internationalen Kunstmarkt, explodieren momentan die Preise auf dem chinesischen Kunstmarkt. Sie überholen bereits die Umsätze des britischen Markts. Unter den zwölf umsatzstärksten Künstlern der Welt befinden sich inzwischen vier Chinesen.

Die andere Seite der Medaille

Aber jede Medaille hat zwei Seiten: Das Ein-Partei-System ist offener als das anderer postkommunistischer Staaten: Wer den Segen eines hohen Parteisekretärs hat, kann ausstellen, wann und wo er will. Wer aber der Partei im Weg steht, muss mit Gegenwind rechnen. Jeder weiß das. Ich bin selbst Betroffener. Im Mai des Jahres 2008 empfing Angela Merkel den Dalai Lama im Kanzleramt und entfachte einen Sturm der Empörung in China. Eine große Galerie in Song Chuan, einem Künstlerdorf im Osten Beijings, musste die Ausstellung meiner Gemälde im Vorfeld der olympischen Spiele absagen. Die örtliche Bezirksversammlung hatte beschlossen, alle Ausstellungen von französischen und deutschen Künstlern abzusagen. Nicht wegen des Treffens Merkel-Dalai Lama, sondern wegen der Medien, die einseitig auf einer „Betroffenheits-welle“ geritten seien, ohne die Position Chinas zu erklären. Meine Antwort auf flapsig Berliner Art: „Wir führen die Ausstellung heimlich durch, was kümmert mich die Partei“, löste beim Galeristen fast eine Panik aus! Eine zweite Ausstellung in der Provinz Shandong verlief im Sande.

Verhaftung von Ai Wei Wei

Die Verhaftung und das Verschwinden von Ai Wei Wei hat im Westen Betroffenheit ausgelöst. Regierungen protestierten, halten sich nach Bekanntwerden der Anklage aber zurück. Human Rightswatch, Hongkong erklärt die Proteste als „zahnlos“. ARTINFO, New York, bedauert, dass Bob Dylan bei seinem Auftritt am 6. April in Beijing´s Worker´s Gymnasium weder Ai Wei Wei erwähnte noch Protestsongs wie „The times they are a-changing“ gesungen habe.

Ich wage mir noch keine abschließende Meinung zu bilden; rate aber, größere Zusammenhänge zu sehen. Die Verhaftung wurde offensichtlich unter Einhaltung chinesischer Gesetze vollzogen. Nach Prof. Jerome Cohen, New York University, kann die Polizei Verdächtige drei Tage in Isolationshaft vernehmen, in Ausnahmen bis zu sieben und in schwierigen Ermittlungsfällen sogar bis zu dreißig Tagen. Die chinesische Regierung ermittelt wegen „Verdachts auf Wirtschaftskriminalität“. Diese Vor-würfe sind ernst zu nehmen; denn die Verhaftung hat nichts mit der Beschränkung der Meinungsfreiheit zu tun, wenn Ai Wei Wei z.B. Devisen oder Kunstwerke bei Ein- und Ausreisen nicht deklariert hat. In der Kunstszene lautet der allgemeine Rat: „Schleuse alles am Zoll vorbei, dann hast Du keine Scherereien!“ Neider tönen bereits: „Natürlich hat Ai Wei Wei gemogelt, macht doch jeder! Diese Vorverurteilung ist natürlich falsch. Andererseits könnte er wegen geringerer Vergehen zu keinen horrenden Strafen verurteilt werden.

Die Szene warnt Ai Wei Wei schon länger, dass er ab dem Jahr 2011 mit härteren Repressalien rechnen müsse. Dann enden nämlich die 100 Jahrfeiern für seinen Vater Ai Qing (1910-1996), des größten Volksdichter des 20. Jahrhunderts. Er studierte in Frankreich, war von 1958-1975 ins Exil verbannt und litt bis 1978 unter einem Schreibverbot.

Ai Wei Wei`s Unterstützer, Sponsoren und Sammler leben in Europa und den USA. In China ist er, mit Ausnahme der Kunstszene, kaum bekannt. Sein Schicksal berührt nur wenige chinesische Bürger. Seine Werke gelten als zu konzeptuell, seine Sozialkritik, die einer mutigen Familientradition folgt, wirkt zu kompliziert. Partei und Regierung sehen sich und das Staatssystem in Frage gestellt. Deshalb bezeichnen sie ihn auch als „Außenseiter“.

Hoffe, Ai Wei Wei kann Vorwürfe entkräften

Die Politiker Chinas haben seit den Olympischen Spielen gelernt. Sie versuchen westlicher Kritik zu Menschenrechtsfragen zu vermeid-en. Die Anklage gegen den Systemkritker Ai Wei Wei ist geschickt und raffiniert eingefädelt. Wir können nur das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Natürlich hoffe ich als Berliner Maler und Künstler, gerade weil ich etwas ähnliche Situationen erlebt habe, dass Ai Wei Wei die Vorwürfe entkräften kann und frei gesprochen wird.

 
 
 
 
 
 
 
 



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