Die Pekinger Kunstszene
Der Maler Wolfram Wickert zu den Repressionen in Peking veröffentlicht im Tagesspiegel
Die Chinesische Kunstszene
ist für mich eine der interessantesten, dynamischsten, aber auch riskantesten
Kunstszenen der Welt.
In
den Jahren 2007 bis 2009 war ich ein bis zweimal im Jahr in Beijing und habe
ein Atelier gemietet. Die Kunstszene ist ähnlich zugleich auch anders. Ich
treffe dort auf europäische, amerikanische, Süd-koreanische, australische, aber immer wieder auch auf chinesische Künstler, die nach
jahrzehntelangen Auslandsaufenthalten in westlichen Demokratien, zurückgekehrt
sind. Die Künstler sind selbstbewusst und übermütig wie in jeder Szene der
Welt. Nichts, das war oder ist, ist „heilig“. Keiner nimmt Rücksicht auf den
anderen. Natürlich diskutieren wir auch ganz offen soziale und politische
Entwicklungen. Und diese Gespräche sind dynamischer und weit reichender als
hier in Berlin.Künstler
haben in China einen Privigilierten-Status. Sie verdienen gut und werden
geachtet. Sie kennen keine soziale Absicherung und üben so
oft neben der Malerei andere Berufe aus. Ein mir bekannter Maler z.B. betreibt
sechs Restaurants. Auch Galeristen haben oft ein zweites „Standbein“. Durch
Erfahrungen in der Arbeitswelt wirken sie oft lebensnaher. Grenzen der Kritik Ein
befreundeter chinesischer Maler, besetzte eine leer stehende Fabrik innerhalb
einer Mauerumfriedung. Kaum hatte er 120 Ateliers eingebaut und vermietet,
rollten fünf Bagger an. Der Parteisekretär des Distrikts beabsichtigte auf dem
Gelände ein neues Stadtviertel zu errichten. 20 Ateliers waren in fünf Minuten platt
gewalzt. Die Künstler protestierten so heftig, dass mein Freund heute noch die
Kolonie betreibt. Ein
anderer Freund, ein international bekannter Bildhauer, sollte im Museum für
Moderne Kunst in Shanghai aus Kunststoff modellierte lebensgroße Kumpelfamilien
aus-stellen. Lokale Parteibonzen bestanden darauf, dass er „verunglückte, tote
Bergleute“ , um die Frauen und Kinder trauerten, nicht zeigen dürfe. Ein
hochrangiger Parteisekretär erlaubte es jedoch, so dass auch die
Kunstzeitschriften alle Szenen zeigten.
Jetzt modelliert er Alltagsszenen aus dem Prostituiert-en-Leben. Und die Partei
zieht bereits erneut die Augenbrauen hoch. Kritik
ist erlaubt, darf die Grundfesten der Partei aber nicht erschüttern. Ein-Partei-Staaat
Andererseits spüre ich immer
wieder den postkommunistischen Ein-Partei-Staat mit Auf und Abs politischer
Stimmungen. Ich stieß zwar selten auf Parteibonzen, aber vor ihnen herrschte
Waffenstillstand; in ihrer Gegenwart hielt man still. Im Vorfeld der
Olympischen Spiele kursierte die Warnung: „Verstoße gegen keine Gesetze“. Es
herrschte weltweit Angst vorTerroranschlägen. Kunstmarkt Abends
zog ich gewöhnlich mit einer Gruppe befreundeter Künstler durch die Ateliers. Chinesische Maler
fragen vor allem nach abstrakter Kunst, nach Malern wie Picasso, Kiefer,
Richter, Lichtenstein, natürlich auch nach der Avantgarde in Berlin, nach
meinen neuen POP ART Akzent, die Verbraucher- oder Betroffenheits-idee mit
„kessen Kiez Katzen“ und „Großstadtpiraten“ oder nach meinen kulturhistorischen
Landschaften. Unterschiede brechen immer wieder auf. Ich gewann den Eindruck,
dass vielen Künstlern, selbst wenn sie jahrelang im Westen gelebt hatten, keinen Zugang zur
abstrakten, konzeptuellen Kunst gewonnen hatten. Es ist wohl etwas anderes,
wenn man mit modernen Museen aufwächst. Dennoch, sie sind ehrgeizig und
überzeugt, dass die nächste Kunstrichtung in China entsteht, die Pop-Art,
Konzeptkunst etc., aus dem Rennen
wirft. Ich traue der waghalsigen Szene, u.a. auch wegen Künstlern wie Ai Wei
Wei, dieses Abenteuer zu. Außerdem
unterstützen Galerien und Sammler diese Entwicklung und bieten hauptsächlich
chinesische Künstler an. Es gibt nur wenige Europäer, die wie der Berliner
Maler Ekki Stoevesand, ihre Bilder in Beijing gut verkaufen. Nach ARTNET und
ARTPRICE, den größten online Dienstleistern für den internationalen Kunstmarkt,
explodieren momentan die Preise auf dem chinesischen Kunstmarkt. Sie überholen
bereits die Umsätze des britischen Markts. Unter den zwölf umsatzstärksten
Künstlern der Welt befinden sich inzwischen vier Chinesen. Die andere Seite der Medaille Aber
jede Medaille hat zwei Seiten: Das
Ein-Partei-System ist offener als das anderer postkommunistischer Staaten: Wer den Segen eines hohen
Parteisekretärs hat, kann ausstellen, wann und wo er will. Wer aber der Partei
im Weg steht, muss mit Gegenwind rechnen. Jeder weiß das. Ich bin selbst
Betroffener. Im Mai des Jahres 2008 empfing Angela Merkel den Dalai Lama im
Kanzleramt und entfachte einen Sturm der Empörung in China. Eine große Galerie
in Song Chuan, einem Künstlerdorf im Osten Beijings, musste die Ausstellung
meiner Gemälde im Vorfeld der olympischen Spiele absagen. Die örtliche
Bezirksversammlung hatte beschlossen, alle Ausstellungen von französischen und
deutschen Künstlern abzusagen. Nicht wegen des Treffens Merkel-Dalai Lama,
sondern wegen der Medien, die einseitig auf einer „Betroffenheits-welle“
geritten seien, ohne die Position Chinas zu erklären. Meine Antwort auf flapsig
Berliner Art: „Wir führen die Ausstellung heimlich durch, was kümmert mich die
Partei“, löste beim Galeristen fast eine Panik aus! Eine zweite Ausstellung in
der Provinz Shandong verlief im Sande. Verhaftung von Ai Wei Wei Die
Verhaftung und das Verschwinden von Ai Wei Wei hat im Westen Betroffenheit ausgelöst. Regierungen protestierten,
halten sich nach Bekanntwerden der Anklage aber zurück. Human Rightswatch,
Hongkong erklärt die Proteste als „zahnlos“. ARTINFO, New York, bedauert, dass
Bob Dylan bei seinem Auftritt am
6. April in Beijing´s Worker´s Gymnasium weder Ai Wei Wei erwähnte noch Protestsongs wie „The times they are a-changing“
gesungen habe. Ich
wage mir noch keine abschließende Meinung zu bilden; rate aber, größere Zusammenhänge zu sehen. Die
Verhaftung wurde offensichtlich
unter Einhaltung chinesischer Gesetze vollzogen. Nach Prof. Jerome Cohen, New
York University, kann die Polizei Verdächtige drei Tage in Isolationshaft
vernehmen, in Ausnahmen bis zu sieben und in schwierigen Ermittlungsfällen
sogar bis zu dreißig Tagen. Die chinesische Regierung ermittelt wegen
„Verdachts auf Wirtschaftskriminalität“. Diese Vor-würfe sind ernst zu nehmen;
denn die Verhaftung hat nichts mit der Beschränkung der Meinungsfreiheit zu
tun, wenn Ai Wei Wei z.B. Devisen oder Kunstwerke bei Ein- und Ausreisen nicht
deklariert hat. In der Kunstszene lautet der allgemeine Rat: „Schleuse alles am
Zoll vorbei, dann hast Du keine Scherereien!“ Neider tönen bereits: „Natürlich
hat Ai Wei Wei gemogelt, macht doch jeder! Diese Vorverurteilung ist natürlich
falsch. Andererseits könnte er wegen geringerer Vergehen zu keinen horrenden Strafen verurteilt werden. Die
Szene warnt Ai Wei Wei schon länger, dass er ab dem Jahr 2011 mit härteren
Repressalien rechnen müsse. Dann enden nämlich die 100 Jahrfeiern für seinen
Vater Ai Qing (1910-1996), des größten Volksdichter des 20. Jahrhunderts. Er
studierte in Frankreich, war von 1958-1975 ins Exil verbannt und litt bis 1978
unter einem Schreibverbot. Ai
Wei Wei`s Unterstützer, Sponsoren und Sammler leben in Europa und den USA. In
China ist er, mit Ausnahme der Kunstszene, kaum bekannt. Sein Schicksal berührt
nur wenige chinesische Bürger. Seine Werke gelten als zu konzeptuell, seine
Sozialkritik, die einer mutigen Familientradition folgt, wirkt zu kompliziert. Partei und
Regierung sehen sich und das Staatssystem in Frage gestellt. Deshalb bezeichnen
sie ihn auch als „Außenseiter“. Hoffe, Ai Wei Wei kann Vorwürfe entkräften Die
Politiker Chinas haben seit den Olympischen Spielen gelernt. Sie versuchen
westlicher Kritik zu Menschenrechtsfragen zu vermeid-en. Die Anklage gegen den
Systemkritker Ai Wei Wei ist geschickt und raffiniert eingefädelt. Wir
können nur das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Natürlich hoffe ich als
Berliner Maler und Künstler, gerade weil ich etwas ähnliche Situationen erlebt
habe, dass Ai Wei Wei die Vorwürfe entkräften kann und frei gesprochen wird.
Antworten |
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 Dieter Bub | Lieber Herr Wickert, vielen Dank. Das liest sich sehr spannend. Wann erschein... |
| 20:12 (vor 1 Stunde) |
Antworten |   Wolfram Wickert an mich |
| Details anzeigen 20:20 (vor 1 Stunde) |
|
herr bub , das höllenteil soll morgen, mittwoch, 13. 4, im tagesspiegel erscheinen, links = ok grüße wwickert Am 12.04.2011 um 20:12 schrieb Dieter Bub: - Zitierten Text anzeigen - Lieber Herr Wickert, vielen Dank. Das liest sich sehr spannend. Wann erscheint der Beitrag? Sind
Sie damit einverstanden, wenn ich ihn dann auch auf meinen
Kultur-Internet-Seiten mit Hinweis auf den Tagesspiegel einstelle?
Beste Grüße Dieter Bub ________________________ Dieter Bub Mobil: 0172 / 7031 369 E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Web: http://dieterbub.jimdo.com
Am 12. April 2011 18:57 schrieb Wolfram Wickert <
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
>:
Freund der Künste, amis et amies des beaux arts, da
ich in der Berliner Szene ein berüchtigter Maler zu werden scheine, hat
mich der Berliner Tagesspiegel gebeten, zur Verhaftung und zum
Verschwinden von Ai Wei Wei einen Artikel zu schreiben. Hier das
GesamtkunstwerK:
Die Pekinger Kunstszene
Die Chinesische Kunstszene
ist für mich eine der interessantesten, dynamischsten, aber auch riskantesten
Kunstszenen der Welt.
In
den Jahren 2007 bis 2009 war ich ein bis zweimal im Jahr in Beijing und habe
ein Atelier gemietet. Die Kunstszene ist ähnlich zugleich auch anders. Ich
treffe dort auf europäische, amerikanische, Süd-koreanische, australische, aber immer wieder auch auf chinesische Künstler, die nach
jahrzehntelangen Auslandsaufenthalten in westlichen Demokratien, zurückgekehrt
sind. Die Künstler sind selbstbewusst und übermütig wie in jeder Szene der
Welt. Nichts, das war oder ist, ist „heilig“. Keiner nimmt Rücksicht auf den
anderen. Natürlich diskutieren wir auch ganz offen soziale und politische
Entwicklungen. Und diese Gespräche sind dynamischer und weit reichender als
hier in Berlin.Künstler
haben in China einen Privigilierten-Status. Sie verdienen gut und werden
geachtet. Sie kennen keine soziale Absicherung und üben so
oft neben der Malerei andere Berufe aus. Ein mir bekannter Maler z.B. betreibt
sechs Restaurants. Auch Galeristen haben oft ein zweites „Standbein“. Durch
Erfahrungen in der Arbeitswelt wirken sie oft lebensnaher. Grenzen der Kritik
Ein
befreundeter chinesischer Maler, besetzte eine leer stehende Fabrik innerhalb
einer Mauerumfriedung. Kaum hatte er 120 Ateliers eingebaut und vermietet,
rollten fünf Bagger an. Der Parteisekretär des Distrikts beabsichtigte auf dem
Gelände ein neues Stadtviertel zu errichten. 20 Ateliers waren in fünf Minuten platt
gewalzt. Die Künstler protestierten so heftig, dass mein Freund heute noch die
Kolonie betreibt. Ein
anderer Freund, ein international bekannter Bildhauer, sollte im Museum für
Moderne Kunst in Shanghai aus Kunststoff modellierte lebensgroße Kumpelfamilien
aus-stellen. Lokale Parteibonzen bestanden darauf, dass er „verunglückte, tote
Bergleute“ , um die Frauen und Kinder trauerten, nicht zeigen dürfe. Ein
hochrangiger Parteisekretär erlaubte es jedoch, so dass auch die
Kunstzeitschriften alle Szenen zeigten.
Jetzt modelliert er Alltagsszenen aus dem Prostituiert-en-Leben. Und die Partei
zieht bereits erneut die Augenbrauen hoch. Kritik
ist erlaubt, darf die Grundfesten der Partei aber nicht erschüttern. Ein-Partei-Staaat
Andererseits spüre ich immer
wieder den postkommunistischen Ein-Partei-Staat mit Auf und Abs politischer
Stimmungen. Ich stieß zwar selten auf Parteibonzen, aber vor ihnen herrschte
Waffenstillstand; in ihrer Gegenwart hielt man still. Im Vorfeld der
Olympischen Spiele kursierte die Warnung: „Verstoße gegen keine Gesetze“. Es
herrschte weltweit Angst vorTerroranschlägen. Kunstmarkt
Abends
zog ich gewöhnlich mit einer Gruppe befreundeter Künstler durch die Ateliers. Chinesische Maler
fragen vor allem nach abstrakter Kunst, nach Malern wie Picasso, Kiefer,
Richter, Lichtenstein, natürlich auch nach der Avantgarde in Berlin, nach
meinen neuen POP ART Akzent, die Verbraucher- oder Betroffenheits-idee mit
„kessen Kiez Katzen“ und „Großstadtpiraten“ oder nach meinen kulturhistorischen
Landschaften. Unterschiede brechen immer wieder auf. Ich gewann den Eindruck,
dass vielen Künstlern, selbst wenn sie jahrelang im Westen gelebt hatten, keinen Zugang zur
abstrakten, konzeptuellen Kunst gewonnen hatten. Es ist wohl etwas anderes,
wenn man mit modernen Museen aufwächst. Dennoch, sie sind ehrgeizig und
überzeugt, dass die nächste Kunstrichtung in China entsteht, die Pop-Art,
Konzeptkunst etc., aus dem Rennen
wirft. Ich traue der waghalsigen Szene, u.a. auch wegen Künstlern wie Ai Wei
Wei, dieses Abenteuer zu. Außerdem
unterstützen Galerien und Sammler diese Entwicklung und bieten hauptsächlich
chinesische Künstler an. Es gibt nur wenige Europäer, die wie der Berliner
Maler Ekki Stoevesand, ihre Bilder in Beijing gut verkaufen. Nach ARTNET und
ARTPRICE, den größten online Dienstleistern für den internationalen Kunstmarkt,
explodieren momentan die Preise auf dem chinesischen Kunstmarkt. Sie überholen
bereits die Umsätze des britischen Markts. Unter den zwölf umsatzstärksten
Künstlern der Welt befinden sich inzwischen vier Chinesen. Die andere Seite der Medaille
Aber
jede Medaille hat zwei Seiten: Das
Ein-Partei-System ist offener als das anderer postkommunistischer Staaten: Wer den Segen eines hohen
Parteisekretärs hat, kann ausstellen, wann und wo er will. Wer aber der Partei
im Weg steht, muss mit Gegenwind rechnen. Jeder weiß das. Ich bin selbst
Betroffener. Im Mai des Jahres 2008 empfing Angela Merkel den Dalai Lama im
Kanzleramt und entfachte einen Sturm der Empörung in China. Eine große Galerie
in Song Chuan, einem Künstlerdorf im Osten Beijings, musste die Ausstellung
meiner Gemälde im Vorfeld der olympischen Spiele absagen. Die örtliche
Bezirksversammlung hatte beschlossen, alle Ausstellungen von französischen und
deutschen Künstlern abzusagen. Nicht wegen des Treffens Merkel-Dalai Lama,
sondern wegen der Medien, die einseitig auf einer „Betroffenheits-welle“
geritten seien, ohne die Position Chinas zu erklären. Meine Antwort auf flapsig
Berliner Art: „Wir führen die Ausstellung heimlich durch, was kümmert mich die
Partei“, löste beim Galeristen fast eine Panik aus! Eine zweite Ausstellung in
der Provinz Shandong verlief im Sande. Verhaftung von Ai Wei Wei Die
Verhaftung und das Verschwinden von Ai Wei Wei hat im Westen Betroffenheit ausgelöst. Regierungen protestierten,
halten sich nach Bekanntwerden der Anklage aber zurück. Human Rightswatch,
Hongkong erklärt die Proteste als „zahnlos“. ARTINFO, New York, bedauert, dass
Bob Dylan bei seinem Auftritt am
6. April in Beijing´s Worker´s Gymnasium weder Ai Wei Wei erwähnte noch Protestsongs wie „The times they are a-changing“
gesungen habe. Ich
wage mir noch keine abschließende Meinung zu bilden; rate aber, größere Zusammenhänge zu sehen. Die
Verhaftung wurde offensichtlich
unter Einhaltung chinesischer Gesetze vollzogen. Nach Prof. Jerome Cohen, New
York University, kann die Polizei Verdächtige drei Tage in Isolationshaft
vernehmen, in Ausnahmen bis zu sieben und in schwierigen Ermittlungsfällen
sogar bis zu dreißig Tagen. Die chinesische Regierung ermittelt wegen
„Verdachts auf Wirtschaftskriminalität“. Diese Vor-würfe sind ernst zu nehmen;
denn die Verhaftung hat nichts mit der Beschränkung der Meinungsfreiheit zu
tun, wenn Ai Wei Wei z.B. Devisen oder Kunstwerke bei Ein- und Ausreisen nicht
deklariert hat. In der Kunstszene lautet der allgemeine Rat: „Schleuse alles am
Zoll vorbei, dann hast Du keine Scherereien!“ Neider tönen bereits: „Natürlich
hat Ai Wei Wei gemogelt, macht doch jeder! Diese Vorverurteilung ist natürlich
falsch. Andererseits könnte er wegen geringerer Vergehen zu keinen horrenden Strafen verurteilt werden. Die
Szene warnt Ai Wei Wei schon länger, dass er ab dem Jahr 2011 mit härteren
Repressalien rechnen müsse. Dann enden nämlich die 100 Jahrfeiern für seinen
Vater Ai Qing (1910-1996), des größten Volksdichter des 20. Jahrhunderts. Er
studierte in Frankreich, war von 1958-1975 ins Exil verbannt und litt bis 1978
unter einem Schreibverbot. Ai
Wei Wei`s Unterstützer, Sponsoren und Sammler leben in Europa und den USA. In
China ist er, mit Ausnahme der Kunstszene, kaum bekannt. Sein Schicksal berührt
nur wenige chinesische Bürger. Seine Werke gelten als zu konzeptuell, seine
Sozialkritik, die einer mutigen Familientradition folgt, wirkt zu kompliziert. Partei und
Regierung sehen sich und das Staatssystem in Frage gestellt. Deshalb bezeichnen
sie ihn auch als „Außenseiter“. Hoffe, Ai Wei Wei kann Vorwürfe entkräften
Die
Politiker Chinas haben seit den Olympischen Spielen gelernt. Sie versuchen
westlicher Kritik zu Menschenrechtsfragen zu vermeid-en. Die Anklage gegen den
Systemkritker Ai Wei Wei ist geschickt und raffiniert eingefädelt. Wir
können nur das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. Natürlich hoffe ich als
Berliner Maler und Künstler, gerade weil ich etwas ähnliche Situationen erlebt
habe, dass Ai Wei Wei die Vorwürfe entkräften kann und frei gesprochen wird.
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