Franz Liszt gilt in Fragen der Virtuosität als
das pianistische Pendant zum Wundergeiger Niccolo Paganini, den er
übrigens sehr bewunderte. Tatsächlich veränderte er sein musikalisches
System deutlich, nachdem er den Kollegen 1831 zum ersten Mal in Paris
auf der Bühne erlebt hatte. Viele der typischen Merkmal seiner
Kompositionen, die Vorliebe für improvisatorisch wirkende
Ungebundenheit, die Vermeidung der bislang üblichen Kadenzierungen,
Periodisierungen und symmetrischen Formgebungen entwickelten sich in
diesen Jahren zur vollen Blüte. Die fantasievolle Veränderung der
Struktur, seine Experimente mit der Ausweitung der Harmonik und der
chromatischen Satztechnik wie überhaupt mit den Möglichkeiten des noch
jungen modernen Konzertflügels in den extremen Lagen im Bass und Diskant
wiesen bereits weit in die kommenden Epochen hinein und fordern bis
heute Pianisten immense technischen und interpretatorische Fähigkeiten
ab.
So beispielsweise auch die um 1855/58 edierten Sammlungen „Années de Pèlerinage – Première Année: Suisse, Deuxième Année: Italie“,
zwei Zyklen sehr unterschiedlich angelegter Klavierstücke, die zum Teil
dem bereits 1842 erschienen „Album d'un Voyageur“ entstammten, zum Teil
von Liszt während seiner ersten Italienreise 1837 -1839 komponiert
wurden. Es sind verarbeitete und in Musik gefasste Landschaftseindrücke,
aber auch tönende Umsetzungen von Gemälden und Kunstwerken der
italienischen Renaissance, ja sogar Melodien, die von Dante inspiriert
wurden. In jedem Fall ist es eine besonders ausgeformte Anwendung des
Prinzips der Programmmusik bis hinein etwa in Jodel-
und Alphornmotive oder farbliche Feinabstufungen von Akkorden, die zum
besseren Verständnis einer Erklärung bedürfen. Sie eignet sich daher
ideal, um einen Monolithen der romantischen Kompositionskultur wie Hector Berlioz' „Symphonie Fantastique“ in der Klavierbearbeitung zu umrahmen, denn die korrespondieren mit dessen Grundvorstellung des Zaubers jenseits des Sichtbaren.
Und
schon Franz Liszt selbst war von dem opulenten Orchesterwerk mit den
für seine Zeit kühnen harmonischen Schichtungen und strukturellen
Relativierungen der Form so fasziniert, dass er eine Piano-Transkription
erarbeitete. Der französische Pianist Roger Muraro wiederum zeichnet diese Verbindung anlässlich des Liszt-Jahrs mit viel Nachdruck nach. Das aktuelle Programm des Virtuosen aus Lyon kombiniert
drei Klavier-Episoden aus dem ersten Zyklus der „Années de Pèlerinage“
mit der überwiegend 1834 entstandenen fünfteiligen Bearbeitung der
„Symphonie Fantastique“. Liszts verstand sich dabei nicht als
sklavischer Repetitor der Werke seines Kollegen, sondern füllte die
Transkription unter dem Titel „Épisode de la vie d'un artiste, grande
symphonie fantastique, en cinq parties“ gemäß dem romantisch
genialischen Künstlerbild auch mit eigenen Ideen. Heraus kam eines der schwersten Solo-Werke der Klavierliteratur überhaupt,
die Roger Muraro mit Brillanz und aufmerksamer Finesse meistert. Es ist
die Verbeugung eines großen Pianisten der Gegenwart vor einem Genius
des 19.Jahrhunderts und zugleich eine Demonstration der Aktualität der
Musik von Franz Liszt. Denn selten zuvor haben diese Bravourstücke vitaler, energetischer geklungen.



