Arturo Colautti hatte das Libretto von „Fedora“ in Anlehnung an eine Vorlage von Victorien Sardou geschrieben. Der wiederum hatte die berühmte Schauspielerin Sarah Bernard im Sinn, die mit der Titelrolle der Fürstin von der Uraufführung 1882 im Pariser Théatre de Vaudeville an umjubelte Erfolge feierte und auch Umberto Giordano begeisterte. Für die Libretto-Version allerdings vereinfachte Colautti das Figureninventar und kürzte der Übersicht halber auch den politischen Hintergrund des Zarismus, der die Vorlage Sardous geprägt hatte. Was blieb, war eine Oper, die klar auf das Protagonisten-Paar zugeschnitten ist. Auf der einen Seite steht zunächst als Katalysator der Handlung der verarmte, aber geschickt taktierende Graf Vladimir, der es immer wieder schafft, schöne Frauen gewinnbringend um den Finger zu wickeln. Bei der reichen und verwitweten Fürstin Fedora ist er sogar auf derart offene Ohren gestoßen, dass sie ihn heiraten will. Doch dazu kommt es nicht, denn bei einem Stelldichein wird Vladimir von Loris Ipanoff, dessen Frau er zuvor umgarnt hatte, überrascht und im Duell tödlich verwundet.
Fedora allerdings kennt diesen Hintergrund nicht und beschließt, sich
an Loris zu rächen. Sie begegnen sich bei einem Exilantenball der
Gräfin Olga in Paris. Loris gesteht Fedora, dass er sie liebe, die
wiederum schreibt hinter dessen Rücken einen denunzierenden Brief, bei
dem sie ihn und seinen Bruder anschwärzt. Dann aber kommt alles anders.
Loris erzählt Fedora von der Untreue Vladimirs, kann sie auch beweisen,
woraufhin die Fürstin ins andere Extrem verfällt und sich Hals über Kopf
in Loris verliebt. Alles scheint einem glücklichen Ende zuzugehen. Die
beiden heiraten, leben in der Schweiz und sind glücklich. Bis die
Nachricht vom Tod des Bruders und der daraufhin in ihrem Gram ebenfalls
verstorbenen Mutter von Loris eintrifft, alles Folgen der Denunziation
durch Fedora. Der Graf schwört Rache, bekommt heraus, dass seine Frau
dahinter steckt und ist nicht bereit zu vergeben. Fedora vergiftet sich
daraufhin in einer Kurzschlusshandlung, was allerdings auch niemanden
wirklich glücklich macht.
Mit diesem ernsten und moralisierenden Libretto passt „Fedora“ in das Stilideal des italienischen Verismo,
der dem romantisch verklärten Opernideal eine sozialkritische,
menschlich leidenschaftliche Bühnenhandlung entgegenstellte. Giordanos
Kunst besteht dabei in der Leichtigkeit, mit der er selbst ernste Themen
wie Verrat oder Rache musikalisch darstellen konnte. Ähnlich wie
Puccinis „Tosca“, die auch auf einer Vorlage von Sardou basierte,
entwickelte sich „Fedora“ schnell zu einem Publikumsliebling der
Spielpläne und ist auch mehr als ein Jahrhundert nach der Uraufführung
eines der Kernstücke des Opernrepertoires. Umso überraschender ist es,
dass Placido Domingo, der agilste und vielseitigste
Tenor der vergangenen Jahrzehnte, diesen einst von Caruso geprägten
Bühnenhit bislang nicht in einer Studioversion festgehalten hatte. Aus
Anlass seines 70.Geburtstags kann er daher nicht nur mit verschiedenen
Werkrückblicken und Wiederveröffentlichungen glänzen, sondern auch mit
einer völlig neuen Aufnahme, die bereits 2008 im
Brüsseler Le Circe Royal festgehalten wurde. Als mitreißender Loris
Ipanov umschwärmt er die ebenso brillante Angela Gheorghiu in der
Titelrolle, gerahmt vom Orchestre Symphonique et Choeurs de la Monnaie
unter der Leitung von Alberto Veronesi, die dem furiosen Werk die
nötige orchestrale Kraft verleihen. Und damit unterstreicht Plácido
Domingo einmal mehr seine Führungsrolle als wichtigster Tenor seiner
Generation, der auch ein halbes Jahrhundert nach seinen Bühnenanfängen
noch uneingeschränkt bezaubern kann.



