"Der Freischütz", eine der beliebtesten deutschen
Opern, kommt ins Kino. An historischen Schauplätzen beschwört der Film
den Geist der Romantik. Warum jetzt, warum so?
Die Filmoper "Der Freischütz" will Romantik in der Natur statt auf der Bühne vermitteln
Hörner blasen Quinten in die deutsche Waldeinsamkeit. Sanft rauschen
die Buchen, sonst regt sich nichts. Von Ferne hallen Schüsse: Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen? Beim Klange der Hörner im Grünen zu liegen.
Nichts da, kein Schützenfest. Hier ist Krieg. Preußen will sich von der
Herrschaft Napoleons befreien. Dresden ist das Zentrum der
französischen Besatzer, entsprechend hart umkämpft ist das Gebiet.
Anzeige
Carl Maria von Weber hat seine Oper Der Freischütz
in der Mitte des 17. Jahrhunderts angesiedelt, kurz nach dem
dreißigjährigen Krieg. Nun kommt eine Filmfassung in die Kinos und
verschiebt die Waidmannsgeschichte um Max und Agathe, Kaspar und den
Teufel rund 150 Jahre in Richtung Gegenwart.
Der Opernregisseur Jens Neubert verlegt die Handlung in die Zeit der
napoleonischen Kriege und dreht die Filmszenen an Originalschauplätzen
der epochalen Ereignisse. Dresden, Bielatal, Miltitz, Moritztal – da
schlägt das Herz des Heimatkundlers höher.
Überraschend ist der Transfer nicht. Weber hat genau zu dieser Zeit
sein Werk komponiert und im sächsischen Elbtal gelebt. In seinem Freischütz,
1821 uraufgeführt, spiegelt sich die Restauration nach dem Wiener
Kongress, die Rückbesinnung aufs Nationale. So galt Webers Singspiel
schnell als "erste deutsche Nationaloper" und wurde Richard Wagner zum
Vorbild für seine Gesamtkunstwerke.
Mit monumentalen Landschaftsszenen beschwören Jens Neubert und sein
Kameramann Harald Gunnar Paalgard den Geist der Romantik. Fast meint
man, Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer winke herüber. Alles sehr stimmig und historisch korrekt inszeniert.
Auch das musikalische Ensemble macht seine Sache gut. Daniel Harding
dirigiert das London Symphony Orchestra, der Rundfunkchor Berlin zeigt
gewohnte Qualität und die prominenten Solisten können zumindest
stimmlich überzeugen. Juliane Banse gibt eine einfühlsame Agathe
(derzeit auch am Festspielhaus Baden-Baden), Michael Volle einen
hinterlistigen Kaspar und die erst 23-jährige Regula Mühlemann ein
erfrischendes Ännchen.
Kommentar - Dieter Bub
Der Freischütz als Kinofilm - eine gelungene Adaption der Geschichte Carl-Maria von Webers, die hier in der Zeit der napoleonischen Kriege spielt, der Befreiung von der Fremdherrschaft. Es herrscht Krieg, auf dem Feld die Leichen der Getöteten, gefleddert. Max hat überlebt, geblieben sind ihm ein Amulett und die Hoffnung auf eine Zukunft mit der geliebten Agathe, die ihn und nicht seinen Widersacher erwählt hat. Dann über zweieinhalb Stunden die dramatischen Ereignisse über die vom Teufel geweihte Freikugel, mit der Agathe den Tod finden soll. Der Film schafft mit Landschaftsaufnahmen wie von Caspar David Friedrich, Szenen aus dem Leben im Schloss und im Leben der einfachen Leute und der Soldaten eine intensive Stimmung. An Originalschauplätzen in Moritzburg, rund um Dresden und in der sächsischen Schweiz gedreht wird ein sängerisch als auch schauspielerisch eindrucksvolles Ensemble aufgeboten. Was fehlt ist eine kurze zeitgeschichtliche Einführung zu Beginn des Films als Orientierung. Nach schrecklichen Verunstaltungen des "Freischütz" auf der Bühne - vor Jahrzehnten mit einer katastrophalen Deutung von Ruth Berghaus und nach einer mißlungenen Inszenierung vor zwei Jahren an der Deutschen Oper in Berlin ist dieser Film eine optische und musikalische Wohltat.