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Deutsche Oper Berlin PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Kulturinfo-Team   
Mittwoch, 10. Januar 2007
Image Simon Boccanegra; Premieren Spielzeit 07
Vorweg: Ein musikalisch bemerkenswerter opulenter Abend – Verdi vom Feinsten, italienisch dirigiert, gespielt und gesungen, am Pult mit Yves Abel, als Boccanegra Roberto Frontali, als Fiesco Roberto Scandiuzzi, als Maria Tamar Iveri. Die große Geschichte um den Korsaren Simon Boccanegra, der von den Plebejern zum Dogen ernannt wird – mit den noch heute üblichen Tricks von falschen Versprechungen für die Helfer, Betrug und Manipulation, der aber auch sein Leben lang vom Hass Fiescos verfolgt wird. Verdis Oper ist so betrachtet durchaus zeitgemäß und das sollen wir, die Zuschauer, bitte auch begreifen. Die Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin von Lorenzo Fioroni auf einem Bahnsteig mit einer einfahrenden Lokomotive und einem ersten Waggon, später am Meer an einer Bahnstrecke und auch der Senatssaal suggeriert das Innere eines fahrenden Zuges ist groß und eindrucksvoll – aber mit einer Reihe von Verwirrungen, die modern sein wollen und an einigen Stellen eher peinlich unangenehm wirken. Warum findet Boccanegra die tote Tochter Fiescos, die doch gefangen gehalten worden ist, im ersten Abteil des Zuges? Warum kommt Simon 25 Jahre später mit einem Fernseher in sein Schlafzimmer geschlurft? Gut – um uns Bilder von den Auseinandersetzungen vom E-Gipfel in Genua zu zeigen – aber danach unsinnige Disneys Tom und Jerry – Szenen, die von Boccanegras Gesang ablenken und das Publikum zum Buh-Konzert animieren? Und warum muss zum Schluss der Arzt mit dem handy gerufen werden, ein Arzt, der im Seuchenbekämpfungsanzug erscheint, so als sei dem Todgeweihten das Gift in Form einer atomaren Substanz verabreicht worden, wie es offenbar beim russischen Ex-Spion in London erfolgt ist. Schade, diese Ungereimtheiten, sind nutzloses Spektakel in einer großen Oper, die trotz allem vor allem hörenswert ist - und dennoch sehenswert. Im Premierenpublikum viel Prominenz , darunter Renate Künast, Antje Vollmer und der neue erste Kulturarbeiter der Hauptstadt, Andreas Schmidt – der neue selbstherrliche Kultursenator Klaus Wowereit war selbstverständlich nicht darunter – aber der verschmäht ja auch den Bundespresseball.. Lieber schmückt er sich weiter mit der Krone eines selbsternannten Provinzhauptstadt – Party - Sonnenkönigs. Das wäre eigentlich auch völlig wurscht, wenn er nun nicht auch „Kultur hätte“ – als Ressort, wie es die Berliner Zeitung so süffisant formuliert hat.

Germania
Die letzten Gedanken des sterbenden Federico Loewe gelten nach dem Liebesduett nicht seiner Frau Ricke sondern Deutschland, befreit von der Geisel Napoleons kann der Tod ihn mit sich nehmen. So tragisch und euphorisch endet "Germania", die Oper des Italieners Alberto Franchetti, mit der die Intendantin der Deutschen Oper ihre erste Regiearbeit in Berlin präsentierte. Kirsten Harms, die von Politikern dieser Stadt auf eine törichte unprofessionelle Weise zum Streit um die Aufführung von Mozarts "Idemeneo" in eine scheußliche Situation getrieben und allein gelassen worden war, ist mit dieser Arbeit ein großes Wagnis eingegangen und hat Mut bewiesen. "Germania" wurde zu einem widersprüchlichen Ereignis - im Bravo - Jubel untermalt von Buhrufen. Wie sehr sie auch für diese Inszenierung kritisiert wird , sie hat Mut bewiesen und kann dem Haus an der Bismarckstrasse wieder zu Aufmerksamkeit verhelfen. Es mag ja für viele befremdlich erscheinen auf einer Opernbühne das "Gaude amus igitur" und "Lützows wilde verwegene Jagd" zu vernehmen und die Begeisterung deutscher Studenten für ihr Vaterland zu erleben. Die Mitglieder dieses Tugendbundes wollen und werden in einem enthusiastischem Nationalgefühl für Deutschland sterben. Warum hat Kirstin Harms sich für dieses Werk entschieden, das unter Arturo Toscanini mit Enrico Caruso 1902 uraufgeführt und damals zu einem großen Erfolg wurde ? Es war wohl eher die Jahreszahl , die zweihundertjährige Widerkehr der Schlacht von Jena und Auerstedt - eine Zeit, in der die Geschichte beginnt - und nicht die nationale Euphorie der Fußball - Weltmeisterschaft mit der Diskussion darüber, ob es ein neues Wir - Gefühl gibt und geben darf - eine Frage, die bei Polen, Briten, Franzosen niemals gestellt worden wäre. Dürfen wir das - uns erinnern an ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte ? Und ist dies dafür das geeignete Werk : Das Libretto bedient sich einer Dreiecksgeschichte - Die hübsche Ricke hat während der Abwesenheit ihres Verlobten ein kurzzeitiges Verhältnis mit dessen Freund Carlo Worms - und das in diesen Zeiten des Aufbegehrens gegen die Fremdherrschaft Napoleons. Zum Schluß gibt es denn Versöhnung und Vergebung - denn nichts ist wichtiger als das Vaterland. Das ist pathetisch und an einigen Stellen auch nicht frei von Komik, zum Beispiel wenn Preußens Königin Louise erscheint und die Männer ermahnt : "Wer will am Schicksal des Vaterlandes verzweifeln, solange die Frauen und die Wiesen diese Blüten tragen?" Die Kerle stürzen sich sogleich wieder ins Getümmel.Zurück bleibt ein Schlachtfeld, über das Germania schreitet und sich ihrer Rüstung entledigt.
Franchettis Oper ist musikalisch ein Gemisch unterschiedlichster Stil - Anleihen von Puccini, Wagner und Mahler - eindrucksvoll gespielt unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Renato Palumbo, der Chor bestimmend, die Solisten stark beansprucht.
Die Aussage bleibt diffus - weil die Inszenierung zwar den Schrecken des Krieges herausstellt aber dann doch vermittelt, dieses ganze Gemetzel sei nun einmal unvermeidbar und wichtiger als alles andere.
Aber vielleicht war und ist es so, immer auf Neue : Eroberung, Zerstörung, Aufbegehren der Unterjochten, Widerstand, Schrecken und Sieg.
Immerhin : ein sehenswerter Abend in all seiner Widersprüchlichkeit.

DER FREISCHÜTZ
Romantische Oper in drei Aufzügen von Carl Maria von Weber
Premiere am 24.03.07, 18.00 Uhr

DER TRAUMGÖRGE
Oper in zwei Akten und einem Nachspiel [Epilog] von Alexander von Zemlinsky
Premiere am 27.05.07, 18.00 Uhr

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 12. Januar 2007 )
 
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