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Samstag, 12. Juni 2010 |
Der Spaßbremser
Die Komische Oper hat ihre Premieren der Spielzeit mit zwei problematischen Inszenierungen beendet - "Fidelio" auf dem Müllplatz zwischen blauen Abfallsäcken und nun Jaques Offenbachs "La Perichole". Die Operette bietet mit eingängiger Musik auch viele Möglichkeiten zu ungewöhnlicher Darbietung. Köstlich und ein großer Erfolg eine Inszenierung mit dem Ensemble des Hamburger Schauspielhauses - und Hannelore Hooger in einer Glanzrolle. Das ist lange her - trotzdem in bester Erinnerung.
Der Berliner Versuch ist nach Meinung des Tagesspiegel gescheitert. Hier Ausschnitte aus der Kritik:
Der Regisseur Nicolas Stemann gibt mit „La Périchole“ sein Operettendebüt. Seine Zuschauer sollen eine Menge über die Spaßgesellschaft, die Liebe im realen Leben und Offenbach selbst lernen.
So, jetzt mal Hefte raus und aufschreiben, was wir am Sonntag in der Komischen Oper alles gelernt haben. Erstens, dass die Spaßgesellschaft eine schlimme Sache ist und dass Quizshows gemacht werden, um das Volk zu verblöden und daran zu hindern, dass es über das Treiben der Herrschenden ernsthaft nachdenkt. Zweitens, dass die Liebe im realen Leben keine Chance hat und nur in hehren Kunstwerken wie Wagners „Tristan“ kurz gegenwärtig wird. Drittens, dass die Zeit, in der Jacques Offenbach seine Operetten schrieb, in Wirklichkeit gar nicht so lustig war, wie man angesichts der schmissigen Musik denken könnte. Weil nämlich ein paar Jahre zuvor in Paris der Aufstand der Commune blutig unterdrückt worden war. Und viertens, dass auch „La Périchole“ kein lustiges Stück ist, sondern dass Offenbach selbst der erste prominente Sklave der Unterhaltungsindustrie war und seine Cancans und Couplets zwar Pflichterfüllung, in ihrer Überspitzung aber auch Anklage dieser Menschen fressenden Unterhaltungsmaschinerie sind.
Soweit die Liste der Lernziele, die sich Nicolas Stemann für seine Offenbach-Doppelstunde vorgenommen hat. Weil er weiß, dass das Operettenpublikum – quasi die Hauptschulklasse der kulturinteressierten Öffentlichkeit – sich eh nur für Glamour, Albernheiten und gute Musik interessiert, geht er nicht anders zu Werke als ein Lehrer, der einem desinteressierten Teenagerhaufen die Rechtschreibregeln einbimsen muss.
Wie kann es sein, dass einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielregisseure bei seinem ersten Ausflug ins Musiktheater so überhaupt nicht einschätzen kann, wann die Belehrung zu langweilen, ja zu nerven beginnt?
Stemanns Grundfehler besteht darin, dass er den inzwischen etwas ausgeblichenen sarkastischen Witz Offenbachs nicht durch frischere Pointen ersetzt, sondern durch moralisierende Botschaften. Die sind der Tod jeder Operette. Erst recht, wenn die Musik, um deretwillen das Publikum gekommen ist, zusammengestrichen wird, ohne dass der Abend deshalb kürzer oder gar kurzweiliger würde.
Gerne hätten wir gelernt, dass auch deutsche Regisseure Operetten mit anarchischer Lust angehen und in der Musik schwelgen können, ohne den Kopf zu verlieren. Vielleicht steht das auch bald mal auf dem Stundenplan.
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