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Wir - und offenbar auch der Librettist von "Fideleo" - haben uns geirrt. Florestan, der Todgeweihte, ist nicht in einem dunklen Verlies tief unter dem Gefängnis eingesperrt sondern zwischen blauen Plastiksäcken in einem Müllcontainer, aus dem er sich herauswindet, seine Klage zu verkünden. Fideleo in der Komischen Oper in Berlin ist anders, will anders sein, Provokation, Versuch, Wagnis, Herausforderung. Das Unternehmen scheitert mit der ersten Minute. Statt der Ouvertüre - auf die bewusst verzichtet wird - erleben Zuschauer, wie Bühnenarbeiter zwei Sitze aus der ersten Reihe und Lampen über den Logen abmontieren, wie Männer mit Bauarbeiterhelmen blaue Müllsäcke und allerlei Requisiten heranschleppen und in den Container werfen,unter ihnen ist Marzelline, die mit ihren Wurfversuchen scheitert, schließlich von ihrer großen Liebe zu Fideleo singt und dabei eine Kleiderpuppe innig umarmt. Diese Kleiderpuppe symbolisiert Fideleo und wird bis zum Schluß immer wieder umschlungen. Die ersten beiden Akte ziehen sich in dieser trostlosen Athmosphäre dahin, aufgepeppt mit allerlei unzusammenhängenden Regieeinfällen - so müssen Pizarro unbd Rocco in ein Pferdekostüm steigen und über die Bühne galloppieren (zum Schluß erscheint dafür eine Kutsche gezogen von einem treubravem lebenden Schimmel). Wird vom gemeinsamem Band für das Leben gesungen muss das sogleich mit Klebeband illustriert werden, so wie später Soldaten mit operettenhaftem Nußknacker-Outfit mit Absperrfolie umwickelt werden. Marzellie singt zum Vater vom künftigen Familienglück mit Fideleo und Nachwuchs, dabei stopft sie sich einen Babybauch. Bei den Massenszenen am Ende werden unterschiedliche Fahnen und Schrifttafeln hoch gehalten - auch " Wir sind ein Volk !" Dabei entsteht in diesem dritten Akt endlich das Gefühl von Oper. Im Programmheft erklärt Regisseur Benedict von Peter seine Intention: Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen der Gegenwart. Er nutzt "Fideleo" für seine Weltsicht , demontiert das Theater, will aufrütteln,vergeblich.. Offenbar verleitet Oper zu solchen Irrwegen, ob nun "Der fliegende Holländer" in einer Börse stattfindet (Deutsche Oper), die "Lustige Witwe" an den Südpol verlegt wird oder "Turandot" in der Plattenbausiedlung endet (Staatsoper unter den Linden). Die Frage ist, warum Intendanten solchen Verunstaltungen und Verstümmelungen nicht Einhalt gebieten. Es gibt Beweise für bemerkenswerte, spannende Inszienierungen, auch an der Komischen Oper. Diese "Fideleo"-Interpretation will mit aller Gewalt provozieren - und erntet dafür Unverständnis, Ablehnung und heftige Buhs.Trotzdem sei der Besuch allein deshalb,vor allem aber wegen seiner musikalischen Qualitäten eines guten Ensembles, eines ausgezeichneten Chores und beachtlicher orchestraler Leistung zu empfehlen.
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