Ein bedrückendes, faszinierendes, radikales Theaterereignis, einzigartig konsequent. Dimiter Gotscheff hat ein neues Kunst – Werk geschaffen und mit einem Ensemble außerordentlicher Schauspieler im Deutschen Theater inszeniert. Es ist die Uraufführung eines unbekannten Stückes von Anton Tschechow, dennoch nicht neu sondern eine Bühnenfassung der Erzählung "Krankenzimmer Nr.6“, verknüpft mit Zitaten aus dem „Kirschgarten“, “Platonow“, der „Möwe“, „Drei Schwestern“ und „Eine langweilige Geschichte“.
Eine Gruppe von Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen in einer Irrenanstalt wird von einem Arzt besucht, der mit ihnen tänzerische Bewegungsübungen macht, sie ein- und anweist, zunächst Beobachter, schließlich von ihnen fasziniert, in ihren Bann gerät und zu einem von ihnen wird, ein Irrer, für den es nun auch keinen Ausweg mehr gibt.
Bereits in den ersten zehn Minuten gerät der Zuschauer – und Zuhörer in den Sog dieser Aufführung, wenn Margit Bendokat als Erzählerin kindlich im blauen Kleidchen ( aber doch eigentlich der Aufpasser in Uniform ) den Ort des Geschehens beschreibt, wenn Samuel Finzi mit den Insassen auftritt und anschließend schildert, dass ihm gerade eine Patientin durch sein Verschulden gestorben ist, daß er längst alle medizinischen Kenntnisse verloren hat und seine täglich vierzig Patienten nur noch mit Tabletten abspeist.
Nach und nach hören wir vom Schicksal der Patienten, vom Verfolgungswahn, vom Tod des Kindes, von der Sehnsucht nach Liebe, von Einsamkeit. Der Arzthört ihnen interessiert zu, wird von den Insassen entdeckt und befragt. Schließlich gehört er zu ihnen, wird aufgenommen, ohne Ausweg auf einer großen leeren Fläche vor einem weißen Rundhorizont immer bedroht von Scheinwerferbatterien, die sich bedrohlich über sie senken, sie einfangen, sie mit grellem Licht verfolgen.
Am Ende bleiben die Fragen an die eigene Existenz zwischen Normalität und Wahn, Gesundheit und Schmerz, Glauben und Hoffnungslosigkeit, auch wenn der Traum von einem neuen, glücklichen Zeit in diesem Stück immer wieder aufflackert, als Schrei, als Stoßseufzer.
Dimiter Gottscheffradikalisiert und setzt die Arbeit Goschs an diesem Haus konsequent fort – führt sie damit vielleicht sogar zu Ende. Herausragend!