Wagners Rienzi aufzuführen erfordert Mut und Entschlossenheit. Ein Wagnis, dass Philipp Stölzl in Berlin eingegangen ist – mit Erfolg und einem verblüffenden Ergebnis. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe : die Oper ist von fünf auf zweieinhalb Stunden verkürzt – und gewinnt damit an Intensität und sie wird in einer Interpretation dargeboten, die den Schrecken und die Schizophrenie von Großmachtwahn zeigt. Die zweite Entscheidung : die Handlung spielt im faschistischen Italien Mussolinis. Diese Idee macht „Rienzi“ auf eine beklemmende Weise geschichtsnah betroffen.
Bereits während des Vorspiels erleben wir einen Tribun an seinem Riesenschreibtisch mit Blick auf den Obersalzberg, der seine Weltmachtträume auslebt. Dieser Rienzi ist in seiner Körperfülle eher Mussolini als Hitler – Slapstick – Szenen, von einem Double gespielt, die an Chaplin erinnern : Rienzi dirigiert, vollführt einen Salto,tanzt, schlägt Rad, brütet, sieht sich als Auserwählten, der sich die Welt untertan macht.
Philipp Stölzl nutzt im Laufe der Handlung immer wieder die Form der Video – Einblendungen, mit denen der Tribun das Volk demagogischmit pathetisch-heroischen Gesten in Live – Übertragungen zu beeinflussen sucht, auch als alles verloren ist.
Stölzlgelingen in der Verwandlung des römischen Volkes zur uniformen Masse beklemmende Bilder. Im zweiten Teil verliert der Tribun unter der Erde in einem Führerbunker die Beziehung zur Wirklichkeit während über ihm die Soldaten sterben, immer neue Kreuze errichtet werden und die Begeisterung der Menschen in Wut und Hass umschlägt.
Rienzi ist ein Opernbrocken , eine Oper, von Wagner selbst nicht geschätzt, die im Vergleich mit seinen späteren Werken immer wieder eher verdrängt als aufgeführt worden ist. Fünf Stunden massige Musik, riesig, in einfachen Strukturen und Phrasierungen, mit starken Verweisen auf italienische Einflüsse und zugleich den Vorzeichen auf die späteren großen Arbeiten, auch wenn hier bereits Lohengrin, Tannhäuser, Tristan anklingen.
Die Reduzierung auf die Hälfte bringt eine Verdichtung, die nichts vermissen lässt, eine Verschlankung, die „Rienzi“ spielbarer macht. Dabei sind die Ansprüche gewaltig. Sie werden in der Oper an der Bismarckstrasse glänzend erfüllt – mit einem monumentalen Chor ( zu Recht gerade wieder zum Opernchor des Jahres gekürt ), mit einem fulminanten Orchester und einem umjubelten Ensemble. In der Titelrolle stimmgewaltig Torsten Kerl, neben ihm Camilla Nylund als Irene und Kate Aldrich als Adriano.
„Rienzi“ in Berlin ist ein großer Wurf und eine der wirklich seltenen Gelegenheiten das frühe Wagnerwerk zu erleben.