|
Volker Lösch, einer der Laientheater-Entdecker, hat "Berlin-Alexanderplatz" neu arrangiert - mit einem Trupp ehemaliger Strafgefangener. Lösch will uns zeigen: die Geschichte des Franz Biberkopf gibt es noch immer, im hier und heute, ausdrücklich 2009 und 2010 - da würden wir uns noch wundern. So erleben wir einen Chor von 22 / 24 Männern und Frauen, die ihre Geschichte herausbrüllen, zurufen, erklären - geteilt , anfangs unter den Zuschauern, später auf einer mit knöcheltiefen goldenen Falschgeld aufgehäuften Spielfläche. Sie haben alle eine Karriere auf der anderen Seite der Gesellschaft und als Teil der Gesellschaft hinter sich : Totschläger, Betrüger, Erpresser, Räuber, Dealer, haben viele Jahre im Knast, in Tegel, verbracht. Mitten unter uns berichten sie von ihren verzweifelten Versuchen einer Rückkehr in das normale Leben, von ihrer Sehnsucht nach Wärme, Nähe, einer Bleibe, Familie,Ordnung, berichten von Anträgen, hunderten Bewerbungen, Demütigungen und Hartz IV. Das alles wird lautstark verkündet - und bleibt dabei plakativ, oberflächlich. Die Voyeure kennen das alles und werden nicht berührt, weil keine Geschichten erzählt werden. Wir erfahren nichts über die Biografien der Einzelnen. Knackis als Gruppe und das bereits wieder mit bedrohlicher Wirkung. Alles ist dekorativ arrangiert, auch die Geschichte des Franz Biberkopf wird in einem lauten Staccato präsentiert, treibt die Schauspieler voran, nimmt ihnen die Möglichkeiten der Differenzierung. Lösch macht den Systemkritiker , haut drauf, läßt Berge von Geldsäcken mit dem Enblem der Deutschen Bank auftürmen ( Aha ! ) und fügt eine Schimpfkanonade über den Konsum von Kokain an allen Staatstheatern ein, verseucht, abhängig - Regisseure, Schauspieler, einfach alle. Zum Schluß fordert Franz von den Zuschauern, den Privilegierten, Uhren, Geld,Kredikarten, Frauen, Geliebte, Ferienhäuser, Wohnungen...... "Berlin Alexanderplatz" als ein Experiment. Beachtenswert, weil ein Regisseur zwei Dutzend Ex-Strafgefangene zusammengebracht und ihnen Selbstwertgefühl gegeben hat, vielleicht die Chance zu einem Neubeginn. Sehenswert, weil das Schaubühnen-Publikum , selbstverständlich System-kritisch , hier mit Randfiguren unserer Gesellschaft konfrontiert wird und sie beobachten kann. So nahe ist man sich noch nie gekommen.
|