 © Natasha Razina / DG, www.klassikakzente.de Plötzlich war sie da, Anna Netrebko, die russische Sopranistin mit der Jahrhundertstimme und der Karriere wie aus dem Märchenbuch der Operngeschichte. Die Frau, die als Studentin im Mariinsky-Theater den Boden putzte, nur um möglichst nah an den Proben zu sein. Die von Valery Gergiev entdeckt wurde, von ihm 1995 als gerade 23jährige für die Titelrolle von Glinkas "Ruslan und Ludmilla" verpflichtet und durch die Gastspiele an der San Francisco Opera 1995 über Nacht der Opern-Szene bekannt wurde. Und die spätestens seit dem Jahr 2002, als sie sowohl an der Met wie auch in Salzburg mit Bravour debütierte, die Herzen der internationalen Klassikfreunde erobert.
Anna Netrebko kam am 18. September 1971 im südrussischen Krasnodar zur Welt. Als Kind sang sie gerne und so gut, dass sie zur Gesangsausbildung nach St Petersburg unter anderem zu Tamara Novichenko geschickt wurde. Netrebko war nicht nur begabt, sondern hatte auch das Gespür für die richtigen Gelegenheiten, die man sich als Noname ohne große Beziehungen schaffen musste. Wenn sie nicht studierte und übte, schrubbte sie die Dielen des Marientheaters und kam auf diese unkonventionelle Weise mit der großen Welt der Opern in Kontakt. "Wir Russen", meinte sie später zu ihrem ungewöhnlichen Karriereweg in einem Interview, "brauchen immer ein wenig Stress in unserem Leben, etwas, das uns betrifft oder herausfordert. Wenn alles gut ist und wir vollkommen glücklich erscheinen, dann werden wir skeptisch und zweifeln daran": 1993 jedenfalls gewann sie den Glinka-Gesangswettbewerb in Moskau, wirkte bei einer Vorstellung im Bolschoi-Theater mit und hatte nun auch ein paar Referenzen zu bieten, die ihr einen Termin zum Vorsingen bei Valery Gergiev ermöglichten. Der wiederum erkannte sofort das Potential der natürlichen und energischen Stimme der jungen Frau und engagierte Netrebko für sein Mariinsky-Ensemble.
Es dauerte nicht lange, da wurde dem Maestro klar, dass er einen potentiellen Star entdeckt hatte. Er ermöglichte der Sopranistin 1994 ihr Debüt auf der berühmten Petersburger Bühne als Susanna in "Le Nozze di Figaro". Erste kleine Tourneen folgten, 1995 das Diplom am Konservatorium, kurz darauf die USA-Premiere als Ludmilla aus Glinkas "Ruslan und Ludmilla" an der San Francisco Opera. Die Presse war begeistert, seitdem ging es stetig bergauf. Covent Garden, die Met, die Scala luden sie ein. Schließlich gelang es ihr 2002 in Salzburg, unter Harnoncourts Leitung als Donna Anna im "Don Giovanni" die Fachwelt zu begeistern. Am 2.April 2003 debütierte sie an der Wiener Staatsoper als Violetta in Verdis "La Traviata", im folgenden Juli auch an der Bayerischen Staatsoper in der gleichen Rolle während der Münchner Opernfestspiele. Die Wiederaufnahme des "Don Giovanni" unter Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen wurde ebenfalls ein großartiger Erfolg. A Star was born und die Begeisterung ergriff nicht nur die normalen Zuhörer, sondern auch die Kritik. Als Netrebko zum Beispiel im Januar 2004 als Violetta in München gastierte, konnte man stellvertretend für viele Meinungen in der Tageszeitung lesen: "Hier arbeitet eine ernsthaft und begnadete Künstlerin. Mit einer glockenrein schönen Stimme, die punktgenau Gefühle transportiert und in den Höhen lerchengleich geradewegs in den Himmel aufzusteigen scheint. Und, was in der Oper immer ein Fall von besonderer Begnadetheit ist, eine Vollblut-Schauspielerin".
Überhaupt war das Jahr 2004 voller Ereignisse. Im Januar und Februar gab Netrebko vier Vorstellungen in "La Traviata" an der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Zubin Metha.. Anschließend gastierte sie in Wien als Donna Anna, im April als Musetta ("La Bohème") beim Festival in Matsumoto in Japan, im Juni ebenfalls als Musetta an der Oper von San Francisco, im August bei den Salzburger Festspielen mit einer konzertanten Aufführung von Prokofieffs "Krieg und Frieden" und als Giulietta ins Bellinis "I Capuletti ed i Montecchi". Am 28. August feierte sie ihren Berlin-Einstand auf der Waldbühne, bald darauf glänzte sie mit einem Auftritt bei den Londoner "Proms" und vor Weihnachten in der Fernsehshow "Wetten dass...". Außerdem wurde sie als "Sängerin des Jahres" mit dem Klassik Echo ausgezeichnet.
Netrebko wagt Neues, wie etwa ihre Zusammenarbeit mit der Modemarke Escada, die sie mit der passenden Kleindung ausstattet. Sie dreht Videos mit Popregisseuren wie Vincent Paterson, der ihr für die DVD "The Woman - The Voice" einen ungewohnt designten optischen Rahmen gab. Ihr erstes Solo-Album mit "Opera Arias" landet in Deutschland in den Pophitparaden ("Best Of The Year", Opera News 2003). Das im August 2004 erschienene Opern-Recital "Sempre Libera" ist ebenso erfolgreich. Gemeinsam mit dem Mahler-Kammerorchester unter der Leitung von Claudio Abbado singt sie Arien der Violetta aus "La Traviata", der Amina aus "La Somnambula", der Lucia aus "Lucia di Lammermoor" oder auch der Desdemona aus "Othello".Netrebkos Sopran schafft die Verbindung von Leichtigkeit und Fluss mit Deutlichkeit und Ernst. Sie kann wunderbar klar über den Dingen schweben, sich aber genauso lasziv in den unteren Lagen tummeln. Nichts wirkt gestellt, im Gegenteil: Netrekbos Partien sprudeln nur so vor Natürlichkeit. Und das liegt an der Sorgfalt, mit der sie die Rollen auswählt und an der stimmlichen Reinheit, lyrisch-dramatischer Ausgestaltung und Ausstrahlung, mit der sie die Partien interpretiert.
Im Jahr 2005 ist Anna Netrebko unter anderem in "L'Elisir d'Amore" an der Wiener Staatsoper und "La Traviata" bei den Salzburger Festspielen zu erleben. Im Juni bekam sie im Moskauer Kreml von Präsident Wladimir Putin den russischen Staatspreis überreicht, eine der höchsten Auszeichnungen, die das Land vergeben kann.
6/2005
Quelle: www.klassikakzente.de
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