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„Eine Fotografie zeigt nie die Wahrheit“, bemerkte einst Richard Avedon.
Dieses Vermögen, zwischen Authentizität und Fiktion zu changieren, nutzte Avedon, um mit seiner psychologischen Feinfühligkeit dem Betrachter neue Dimensionen zu eröffnen. Dazu verwandte er nur wenig Hilfsmittel. Er benötigte, ganz minimalistisch, nur einen weißen Hintergrund, eine schwarze Umrandung und den Porträtieren, der durch nichts abgelenkt, in die Kamera blickt. Diese scheinbar einfache Methode entwickelte sich so zu seinem Markenzeichen. Seine Ästhetik, sein Ausdrucksvermögen und eine Vielzahl der Porträtierten sind unlängst Popkultur. So wie er selbst. Das sieht man auch an der Zahl der Besuchern, die sich seine Retrospektive im Martin Gropius Bau anschauen. Viele von ihnen sind jung. Die Porträts sind Ikonen - Marilyn Monroe, Beatles, Bob Dylan, Twiggy und Nastassja Kinski machten ihn berühmt. Und er wiederum nährte mit seinen Fotografien ihre Bekanntheit. Doch Avedon begnügte sich nicht damit, sie einfach abzubilden, er wartete auf eine gewisse Emotion, eine Sekunde, in der sie etwas von sich preisgeben. Das war die Maßgabe, unter der seine Arbeiten entstanden, auch bei der Modefotografie. Blickten die Mannequins beim Shooting ein wenig zu ausdruckslos drein, sagte er ihnen, auf seine sehr freundliche Art „have a little thought“. Diese Kunst, das Leichte und das Schöne zu inszenieren, begründete Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Ruhm. Jedoch war Richard Avedon kein gewöhnlicher Modefotograf. Er nutzte seinen kommerziellen Erfolg, um künstlerische Werke zu realisieren. Insbesondere sein Bildband „In the American West“ erscheint wie ein Kontrastprogramm zu der Welt, die ihn berühmt gemacht hatte. Er reiste fünf Jahre durch den amerikanischen Westen, um die einfachen Menschen zu porträtieren - Bergarbeiter, Kassiererinnen, Schausteller, Farmarbeiter oder Landstreicher. Den Mythos vom romantischen Pioniergeist des Westens hingegen findet man auf seinen Bildern nicht. Stattdessen lässt er Licht in andere Welten eindringen und macht bisher Unbeachtetes sichtbar. Und es ist wohl diese Fähigkeit, ganz behutsam verschiedene Welten zu bebildern, die Richard Avedon zu einem Meister seines Fachs werden ließ.
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