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Der Orient boomt mal wieder - ob Dubai oder Oman, Touristen sind fasziniert von einer Welt der fernen Geheimnisse, die nun für Reisende vermarktet wird. Das ist nicht neu : Die Türken standen vor Wien, Mozart komponierte die Entführung aus dem Serail, die Zauberflöte und den türkischen Marsch. Ob die Märchen aus tausendundeiner Nacht oder die Schehazerade - alles läßt sich wunderbar darstellen - und dabei wollen die Zuschauer sich fern von aller Aktualität inein imaginäres Wunderland entführen lassen. Der Berliner Wintergarten arrangiert das zu einer artistischen Show, die so angepriesen wird :
"Zu früheren Zeiten zogen Abenteurer auf gefahrvollen Wegen ins Morgenland, um ihr Glück zu machen und mit Schätzen beladen heimzukehren. Jetzt kann jeder in den Orient reisen – wenn sich im Wintergarten der Vorhang hebt. Orientalis, die neue Show in der Regie von
Sebastiano Toma, choreografisch begleitet von Christelle Gilles, spielt mit Bildern und Metaphern, die im westlichen Abendland seit jeher das Bild des Fernen und Geheimnisvollen geprägt haben – und bleibt dennoch ganz in der Gegenwart.
Zum Bild des Orients gehören prächtige Bauten, exotische Musik und geheimnisvolle, schöne Frauen. Die Tänzerin Christelle Gilles und ihre bezaubernden Begleiterinnen entführen mit Tanz und Erotik in den Serail, der wie von Zauberhand über die flüchtigen Sandbilder von „The Deserts“,zwei jungen Illustratoren aus Berlin, entsteht."
Dem Wintergarten ist damit wieder treffliche Unterhaltung gerade zum Ende des Jahres gelungen, die aus dem Alltag entführt. Wie empfindet aber eine junge Besucherin diese Show, der dieses Genre bisher völlig fremd war. Hier der Beitrag unserer Redaktionskollegin Dörte Wustrack, die zum erstenmal im Haus an der Potsdamer Straße zu Gast war :
Orientalis – Die Magie des Morgenlandes
Das erste Mal im Varieté. Im Berliner Nachtleben der zwanziger Jahre galten diese Establishments als Orte der mondänen Abendunterhaltung. Illustre Namen wie Josephine Baker und Anita Berber bevölkern das kollektive Gedächtnis, wenn es um Assoziationen über den Mythos dieser Zeit geht. Wollte der 1992 wiedereröffnete Wintergarten wohlmöglich an solche Traditionslinien anknüpfen? Diese Frage stellte ich mir gedankenversunken, als ich auf meine Abendbegleitung wartete, die ganz dem heutigen Zeitgeist entsprechend, draußen vor der Tür eine Zigarette rauchte.
Ein Portier in Uniform, deren Design der Mode der Jahrhundertwende entlehnt, öffnete der feinen Gesellschaft und uns beflissentlich die Tür. In der Empfangshalle geraten wir sogleich in die Arme eines Photographen, der außerordentlich gern ein Photo machen wollte, dass dann, als Souvenir käuflich zu erwerben wäre. Nachdem wir den Überredungskünsten des Photografen entfliehen konnten, was sich ähnlich schwierig gestaltete wie die Versuche des Entfesselungskünstlers Houdini, der einst dem Wintergarten Weltruhm verlieh, seinen Handschellen zu entkommen, betraten wir einen großen Saal, dessen mit silbernen Sternen bedeckte Decke dem Motto dieser Veranstaltung glich - Orientalis, die Magie des Morgenlandes.
Nachdem ich meinen Blick von dem Sternenhimmel wieder gesenkt hatte, sah ich einen Saal, gefüllt mit Menschen, die wie in einem Restaurant zu Abend speisten.
Die hier versammelten Menschen wollten sich etwas Kurzweil gönnen und die Luft des berüchtigten Berliner Nachtlebens schnuppern. Die Teller waren noch nicht alle geleert, da begann die Show, deren Titel mich an das phonetisch ähnlich klingende Buch „Orientalism“ von Edward Said erinnerte. Said schildert darin eindrucksvoll, dass das westliche Wissen über den Osten nicht auf Fakten, sondern auf imaginierten Konstrukten beruht.
Das Varieté ist jedoch nicht der Ort, wo politische Debatten geführt werden müssen, dachte ich mir, als der Pantomime Fabien Kavech die Bühne betrat, schließlich möchte man hier der realen Welt entfliehen. Wie ich dann aber feststellen musste, gab es keinen abendlichen Eskapismus, sondern nur die Klischees der realen Welt.
Die nun folgende Handlung lässt sich in wenige Worte zusammenfassen. Kavech mimt in dem Stück einen hilflosen westlichen Touristen, der sich in die geheimnisvolle Welt des Orients begibt. Der Held, der so etwas wie unser Alter Ego darstellen sollte, gleitet von einem orientalischen Basar, der ihn plötzlich bei der Verrichtung seiner Morgentoilette überrascht, in einen Pulk bauchtanzender Haremsfrauen und findet sich nach einigen Umwegen schließlich im Dschungel wieder, wo er versehentlich seinen Hund erschießt und auf einen Außerirdische trifft, dem, wenn ich es richtig verstanden habe, das gleiche Schicksal ereilt wie seinem vierbeinigem Begleiter.
Es bleibt rätselhaft, was diese Assoziationen von erstaunlichen Ereignissen in mir bewirken sollen, einen Aufstand gegen die Logik, eine Reise in die Märchenwelt von 1001 Nacht? Und vor allem: Warum soviel Gewalt? Zu den recht abstrusen Geschehnissen, die bei Helge Schneider immer lustig, hier aber überzogen wirken, gesellt sich die nicht minder fragwürdige Interpretation des Regisseurs von der Exotik des Morgenlandes. Diese soll von einem Mann repräsentiert werden, dessen Muttersprache ganz offensichtlich deutsch ist, der aber durch den Gebrauch von sehr lückenhaftem Sprachwissen, einem Turban auf dem Kopf sowie der Verwendung des Namens Mahatma einen Inder für den Zuschauer lebendig machen möchte, der nicht, wie man annehmen könnte, auf einen Nagelbrett sitzt und Schlangen beschwört, nein er steckt sich Ikea- Gabeln in die Nase. Die Zeiten ändern sich oder auch nicht, dachte ich mir.
Dörte Wustrack
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