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Eichendorff PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jenny Stümer   
Mittwoch, 23. Januar 2008
Unstern, diesem guten Jungen,
Hat es seltsam sich geschickt;
Manches wär‘ ihm fast gelungen,
Manches wär‘ ihm fast geglückt;
Alle Glücksstern‘ im Bunde
Hätten weihend ihm gelacht,
Wenn die Mutter eine Stunde
Früher ihn zur Welt gebracht
 
Joseph von Eichendorff ist der unvergessene letzte große Romantiker und doch wurde er bereits zu Lebzeiten für literarisch tot erklärt. Hartwig Schultz widmet ihm knapp 150 Jahre später eine Biographie, in der er auf 325 Seiten das Leben Eichendorffs durchleuchtet. Von der Kindheit in Schlesien zu den Studienjahren in Halle, Heidelberg und Wien bis zur Familiengründung und preußischen Beamtenzeit begleitet der Leser den großen Dichter, der stets ein großer Unbekannter bleibt. Über den Menschen Eichendorff erfahren wir sehr wenig, denn es ist schwer einen Menschen ins Zentrum zu rücken, der sich selbst diese Ehre stets verweigert hat. So erlaubt uns Hartwig Schultz gleich zu Beginn einen Blick in die Aufzeichnungen Eichendorffs um das Dilemma zu erklären. „Ich bin weit entfernt von der Einbildung, dass meine Persönlichkeit oder meine Schicksale von allgemeinem Interesse seyn könnten [...] Man erwarte daher nicht etwa meinen Lebenslauf, aber Erlebtes“, schreibt Eichendorff. Und weiter heißt es: „Wenn dennoch meine Person vorkommt, so soll sie eben nur der Reverbére seyn, um die Bilder schärfer zu beleuchten.“
Die Bilder, die Eichendorffs Leben spiegelt, sind oft widersprüchlich, verstörend bodenständig und doch immer verklärt romantisch. Auf seinem Lebensweg treffen wir Goethe, Brentano, Ludwig von Tieck und Schuhmann. Wir erleben die Studentenunruhen, den Einzug Napoleons und den preußischen Beamtenalltag. Die Person Eichendorff bleibt in dieser Geschichte fast ausschließlich Projektionsfläche, ein außenstehender Beobachter. Leider verstrickt sich Schultz dann auch all zu oft in das Leben anderer Literaten oder die Erklärung geschichtlicher Umbrüche, zu denen die Stellungnahme Eichendorffs offenbleibt. Dieser wird mehr durch sein Werk als durch sein Leben beleuchtet, doch genau dieser Kontrast gibt dem Leser schließlich doch einen Einblick in das Wesen Eichendorffs. Der Dichter kämpft Zeit seines Lebens mit dem Widerspruch eines preußischen Beamtenlebens und dem verträumten Herzen eines ‚Taugenichts‘. Wie kann der poetische Mensch sein Leben unter den gegebenen Umständen gestalten? Wie ist man Künstler, wenn man zwischen Aktenbergen und Rechnungen eingesperrt ist? So etwa lautet Eichendorffs große Frage. Zeit seines Lebens fühlt er sich fehl am Platz, seiner eigenen Zeit hinterher. Er ist der zu spät geborene Dichter, der die Romantik huldigt, wie sie hätte sein sollen und nach einer Versöhnung zwischen Philistern und Poeten sinnt, als dieser Konflikt schon scheinbar niemanden mehr erreicht.

Durch den Kreuzstich zwischen Werk und Leben schafft es Hartwig Schultz einen Einblick in das Innerste des letzten Romantikers anmuten zu lassen. Sein Buch lebt vor allem von der Aufdeckung der Widersprüche in Eichendorffs Leben. Eichendorff der Romantiker, der brave Familienvater, der Träumer und Dichter, der Kritisierte und Kritiker, der preußische Beamte, der Unstern, der zu spät geborene Dichter, der uns doch eine zeitlose Frage hinterlässt: Was ist Kunst und wie viel Freiheit braucht der Künstler?

Hartwig Schultz: Joseph von Eichendorff Biographie

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 18. Februar 2008 )
 
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